Mittwoch, 12. Oktober 2016

Ein Fußballspiel ohne Ball



Fans demonstrieren für den Erhalt von Deportes Concepcion

Ein Zeichen wollten die Fans von Deportes Concepcion (El Conce) setzen, indem sie am 9. Oktober gemeinsam ins Stadion Alcadesa Ester Roa, im Volksmund eigentlich Collao genannt, zogen. Über 5.000 Anhänger der Lilanen füllten die Kurve und sorgten für ein Spektakel, als ob ihre Mannschaft um die Meisterschaft kicken würde. Auf dem Rasen rollte allerdings kein Ball und Spieler waren ebenso wenig zu sehen, eine Fußballbegegnung fand nämlich nicht statt. Der Grund für das Treffen war eine Demonstration unter dem Motto: „Deine Stadt lässt dich nicht im Stich.“ Deportes Concepcion kämpft derzeit ums Überleben.

Im April wurde dem Verein die Lizenz für die Profiligen entzogen, weil monatelang keine Gehälter gezahlt wurden. Der chilenische Verband ANFP veranlasste deshalb die Auflösung der Profiabteilung. Die Anhängerschaft hat seitdem den Verein übernommen und den Betrieb aufrecht erhalten. Obwohl die Fans seit über einem halben Jahr auf ein Spiel ihrer 1. Herren warten, haben sie die Hoffnung nicht aufgegeben, sich in den Profifußball zurückzuklagen. Bei dem Lizenzentzug gab es diverse Ungereimtheiten, unter anderem wird der ehemaligen Vereinsführung vorgeworfen, Gelder unterschlagen zu haben. Ende Oktober wird eine endgültige Entscheidung erwartet, ob Deportes Concepcion 2017 wieder in der zweiten chilenischen Liga Primera B oder in der fünften Division starten kann.

Die Demo vom Oktobersonntag war bereits die dritte seit April, zum ersten Mal endete sie im Stadion. Mit einem Zug durch die Stadt begann die Veranstaltung. Typische Lieder wurden gesungen, Böller gezündet, Fahnen geschwenkt. Die Polizei begleitete den Marsch, um die Straßen abzusperren, aber die in Chile üblichen Wasserwerfer hielten sich fern, da es keinerlei Probleme gab. Direkt nach dem Lizenzurteil reagierten die Fan noch mit Randale und Krawall.

Im Stadion warteten schon zahlreiche Anhänger der Lila-Weißen auf die große Masse. Wer es nicht besser wusste, konnte dort eine Erstligapartie erwarten. Das Drumherum stimmte, es wirkte wie ein Fußballspiel, jedoch eben ohne Fußball. Etwa 90 Minuten blieben die Zuschauer und bejubelten vor allem sich selbst. Fehlte da nicht trotzdem ein Spiel? „Sicher, aber wir genießen es, endlich mal wieder in unserer Kurve zu sein“, meinte Cristian Quijada, langjähriger Allesfahrer seines Vereins. Er erklärte, wie sehr er das an den Wochenenden vermisse und der Protest vom Sonntag sei gut für das Gemeinschaftsgefühl. „Wir sind nicht weg und werden es nicht sein“, so Quijada. Die Chancen auf eine Rückkehr stünden seiner Meinung nach gut, weil die ANFP durch den Protest sehen konnte, was dem chilenischen Fußball fehlt. Doch selbst einem kompletten Neubeginn steht er nicht  negativ gegenüber. Hauptsache der Ball wird rollen.

Dienstag, 2. September 2014

Länderspielpause


Ein Wochenende ohne Bundesliga ist irgendwie unbefriedigend, immerhin wird der TV-Fußballkonsum trotzdem gestillt. In diesen Tagen kickt gleich zweimal der Weltmeister. Da kann man sich großzügig und gelassen geben. Das ist ein guter Moment, eine Packung Airsticks "Deutschland" (so heißen also die Dinger) aufzureißen und die CD "WM-Hits für Kids" abzuspielen. Die Nachbarn sollen sich schließlich daran erinnern, dass WIR die Besten sind. Man ist doch so vergesslich in dieser schnelllebigen Zeit.

Sonntag, 31. August 2014

Schalke 04, Mainz 05 und die Zählerei geht weiter


Kommen wir gleich zu den Fakten. Hannover 96 ist ungeschlagen in dieser Saison. Die Mannschaft liegt punktgleich mit dem Tabellenzweiten nur zwei Zähler hinterm dem Spitzenreiter. In der Weltmeisterliga ist 96 erster Bayern-Verfolger und steht vor dem BVB. Der Weltmeistertorwart Ron-Robert Zieler hat 50 Prozent weniger Gegentreffer kassieren müssen als sein Nationalmannschaftskamerad Manuel Neuer. Überhaupt präsentieren sich die Roten länger ohne Pflichtspielniederlage als der aktuelle Meister aus München. Die Zahlen sprechen für sich. Man darf bei 96 nach ganz oben schauen.
 
Das tut auch mein fünfjähriger Sohn. Einer seiner Herzenwünsche ist ein Tablet-Computer. Weil ich ein guter Vater bin, habe ich versprochen, ihm eines zu schenken. Allerdings erst, wenn 96 Deutscher Meister wird. Seither verfolgt der kleine sehr genau alle Schlagzeilen rund um 96 und analysiert die Tabelle. "Das wird was", hat er jetzt nach zwei Partien festgestellt. Ich widerspreche ihm nicht. Wie erwähnt, sprechen die Fakten für sich. Der espn-Kommentar sprach zwar während des Auftritts gegen Mainz 05 vom langweiligstem Match seit Jahrzehnten, aber haben die Großen des Fußballs nicht alle gelegentlich einen unspektakulären Tag? Von meiner Sofatribüne gab es jedenfalls keine Pfiffe.    
 
Eine interesante Zahlenspielerei fällt übrigens beim Blick auf den Bundesligakalender auf. 96 begann gegen Schalke 04 und Mainz 05. Nach der Länderspielpause trifft Hannover auf den Nachfolgerverein vom FC Falke 06, dem Hamburger SV, und eine Woche später auf Paderborn 07.    

Donnerstag, 21. August 2014

Das Warten hat ein Ende


Jetzt geht endlich die Bundesliga los. Mein liebstes Gesprächsthema kehrt zurück und ich weiß wieder, wo ich mich im Internet aufhalten muss. Gewiss, den Gewinn der Weltmeisterschaft habe ich auch kurz gefeiert, vor allem weil ich am Finaltag gerade in Deutschland war. Berauscht hat mich der Titel nicht. Letztlich ist so eine WM nur ein Lückenfüller.

Nun spielen die Roten. Wie gewohnt, werde ich die meisten Auftritte nicht sehen können. Der Sonnabend bleibt ein Arbeitstag und das Niedersachsenstadion zu weit von Concepción entfernt.  Beim Heimaturlaub konnte ich wenigstens einen Auswärtskick der U-23 in Oldenburg verfolgen. Es war eine Auswärtsfahrt nach meinem Geschmack und erinnerte an die 96-Zeit der neunziger Jahre. Damals, als unvorstellbar war, je ein Spiel der Roten zu verpassen, obwohl die Erste Bundesliga nur ein schöner Traum war. Seitdem er in Erfüllung gegangen ist, habe ich die meisten Bundesligaspiele nur am Bildschirm gesehen. Man gewöhnt sich daran und das Interesse hat trotzdem nicht nachgelassen .

Ich traue den Roten eine gute Saison zu. In Chile werden die Medien etwas mehr berichten, nachdem Miiko Albornoz verpflichtet wurde. Schon jetzt werde ich häufiger auf 96 und Miiko angesprochen. Schafft er es in die Startelf, wird über Hannover sonntags im Sportteil der Hauptnachrichten berichtet. Dabei ist Albornoz eigentlich ein Unbekannter in Chile. In Lateinamerika hat er nie gespielt und in seinen Auftritten für die Nationalmannschaft hinterließ er auch keinen bleibenden Eindruck. Die Chilenen freuen sich allerdings über jeden Landsmann, der es in Europa schafft. Setzt sich Albonorz durch, wird 96 am anderen Ende der Welt endlich mehr als nur eine Zahl. Vielleicht könnte der Verein dann auf Reisen gehen. Ein Spiel der Roten in Santiago, das ist zurzeit ein schöner Traum.



Montag, 12. August 2013

Auftaktsieg gegen Wolfsburg


 
"Papa, Wolfsburg hat das gleiche Zeichen wie Fillmore. Ich mag Wolfsburg", rief mein Sohn aufgeregt, als er die VfL-Kicker einlaufen sah. Sein Fußballglauben schwankt gelegentlich und lässt sich von solchen Details beeinflussen. Zum Glück konnte ich ihm erklären, dass "Fillmore" in der Autofabrik in Hannover hergestellt wurde, womit seine Zuneigung zu den richtigen zurückkehrte.   Nachdem der Junge auf dem Bildschirm das Niedersachsenstadion erkannte, waren auch die letzten Zweifel beseitet: "Papa, in dem Stadion waren wir schon." Im Mai hatte der kleine Hopper diesen Punkt gemacht und mir fiel ein, dass ich bei der HDI-Filiale in Concepción nachfragen muss, ob sie Arena-Merchandisingartikel haben.   
 
Das Spiel konnte also beginnen. Momentan hat espn die Bundesligarechte. Auf espn3 gibt es in der Regel Bayern München oder Borussia Dortmund zu sehen, aber im Internetangebot des Senders werden für Kabelkunden alle anderen Spiele gezeigt. Die Streams laufen in TV-Qualität, nur ein Kommentar fehlt, so dass man den Stadionton als Geräuschkulisse hat.  

Pünktlich zu "Alte Liebe" begann espn seine Übertragung. Ein paar bekannte Gesichter wurden eingeblendet und die Partie wurde angepfiffen. Erste Spieltage haben immer etwas besonderes. Sie sind wie ein Geschenk, von dem man vorher nicht weiß, was einen erwartet. Die Gäste aus Wolfsburg haben sich wieder einmal viel vorgenommen und der 96-Präsident hat nicht weniger ehrgeizige Ziele: Platz drei bis sechs soll es sein. Doch sowohl 96, als auch der VfL begannen nicht wie zukünftige Champions League Teilnehmer. Vielleicht waren die Gäste sogar etwas stärker, dafür machte Hannover das 1:0. Sehr zu meiner Freude und der Nachwuchs jubelte ebenso kräftig mit. Voller Glück hüpfte er immer wieder vor dem Bildschirm herum. Das versperrte den Blick auf das Geschehen, weshalb ich meine Fankultur nicht ausleben konnte. "Kind muss weg", dachte ich mir und lockte den Jungen mit deutschen Salzbrezeln zum Sofa zurück.

Wieder mit freier Sicht sollte anschließend bewundert werden, wie Wolfsburg sich selbst schwächte. Nach den zwei Roten Karten hätte es für 96 eigentlich leichter werden sollen, aber der Hecking-Elf gelang es ihr Spiel besser zu ordnen. Die Roten brauchten daher einige Anläufe, um schließlich kurz vor dem Abpfiff auf 2:0 zu erhöhen. Der Start ist geglückt, so darf es weitergehen. Andere Vereine müssen auf ihre ersten Punkte noch warten.   

Donnerstag, 8. August 2013

Ausblick auf die Saison



Endlich geht es richtig los. Fußball. Bundesliga. Hannover 96.Ich freue mich darauf, obwohl es eine Saison mit wenigen „Live“-Bildern wird. Sonntags wird diesmal nur selten ein 96-Termin sein und samstags ist berufsbedingt nicht meine Bundesligazeit. Das Ziel lautet also: Qualifikation für die Europa League, damit das Publikum in Übersee wieder mit seinem Premium-TV-Angebot zum Sonntagsfrühstück verwöhnt wird.
Im lateinamerikanischen Fernsehen wird Niedersachsens Topverein vom Bayern München-Effekt profitieren. Seit dem  Champions League –Gewinn des deutschen Rekordmeisters ist die Liga in den Fokus der Medien gerückt. Selbst die chilenischen Sender interessieren sich plötzlich verstärkt für den „Futbol Aleman“.  Natürlich flimmern vor allem Schweinsteiger, Ribery, Müller und der FCB-Rest über den Bildschirm, aber nachdem 96 die erste Guardiola-Krise  eingeläutet haben wird, lächeln Mirko Slomka und seine Elf gewiss in chilenische Wohnzimmer.
Es fällt mir schwer die Roten richtig einzuschätzen. Von Trainingslagereindrücken lässt sich selten etwas über die Stärke der Mannschaft sagen. Ich bedauere jedenfalls den Abgang von Mohammed Abdellaoue sehr. Sein letztes Jahr war zwar nicht das Beste, aber er wird 96 fehlen und dafür den VfB Stuttgart stärken. Über die Neuverpflichtungen weiß ich dagegen nur wenig. Sie sind wohl alle verletzt, was zum Start im 96-Arbeitsleben dazugehört. Kein Grund zur Sorge also.  

Bleibt abzuwarten, ob Mirko Slomka weiterhin in Ruhe arbeiten kann. Die Ansprüche sind in Hannover gestiegen, womit schnell Unruhe aufkommt. Und die ist nicht immer sportlich. Die Fanstreitereien mit Hannovers Präsident Martin Kind verfolge ich nur am Rande, aber eines ist sicher: Sollten die bereits fest eingeplanten sechs Punkte gegen diesen einen unerwünschten Aufsteiger verpasst werden, gibt es nicht nur von dieser Seite Radau.
Denn da war ja noch der ungeliebte Erzrivale. Kaum wieder da, nervt er mich. Bei meiner letzten Deutschlandreise musste ich in der Peiner Heimat deren Aufstiegsfreuden hautnah miterleben. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht einem grinsenden BTSV-Fan über den Weg lief. Dabei hatte ich deren Existenz doch längst vergessen. Eintracht Braunschweig, das klingt so nach Zonenrand. Ich war mir sicher mit der DDR sei Anfang der 90er dieser Verein verschwunden, aber nun muss man sich wieder damit beschäftigen. Es passt mir gar nicht.
Zugegeben, diese Spiele würde ich gerne miterleben, vor allem auswärts in Braunschweig, aber genau wie auf den Europapokal werde ich auch auf den Superclásico verzichten. Die Spiele sind sogar denkbar schlecht terminiert. Am 12. Spieltag feiert mein zweiter Sohn seinen ersten Geburtstag, Besuch hat sich schon angekündigt.  So werde ich nicht einmal in Ruhe vor der Glotze pöbeln können. Auch das zweite Aufeinandertreffen durchkreuzt meine Pläne. Am selben Apriltag duellieren sich Universidad de Chile und Colo-Colo in Santiago. Für mich ist das immer ein fester Termin Fußball nach alter Gewohnheit zu genießen. Nun werden mich zuvor die Blaugelben mit ihrer Anwesenheit belästigen, was eventuell das ausgelassene Kneipenfrühstück auf der Ausgehmeile Pio Nono verhindert.  Ach, die Braunschweiger sollen doch wieder in ihre untere Liga verschwinden. Das ist vielleicht Hauptziel der Saison, ganz unabhängig von 96.  

Sonntag, 4. August 2013

Gegen Victoria Hamburg wurde die Sofablock-Dauerkarte 2013/14 eingeweiht



 
Mit dem DFB-Pokal hat meine Fernsehfußballsaison 2013/14 begonnen. Eigentlich könnten sieben Sportkanäle rund um die Uhr für eine Dauerberieselung sorgen, aber jenseits der Bundesliga und DFB-Pokalpartien gehe ich lieber ins Stadion, obwohl mich da im Großraum Concepción selten Kracher erwarten.  Beim TV-Fußball brauche ich einfach Sympathien oder Abneigungen, um die 90 Minuten wirklich zu verfolgen. Sympathien habe ich für Hannover 96, Abneigungen hege ich gegen diverse Bundesligsten. 
 
Das Wetter war an diesem Sonntag perfekt, um zuhause auf dem Sofa den ersten Auftritt der Roten und anschließend diverse andere Pokalbegegnungen zu sehen. Draußen regnete es unaufhörlich. Typisch für einen Wintertag in Chile. Die Anstoßzeit um 8:30 Uhr war ebenso ideal. Je früher man sich von einem 96-Sieg berauschen lassen kann, umso besser wird der Tag, behaupte ich. Aufgrund der frühen Stunde gab es  zwar Kaffee statt Bier, aber das Heißgetränk hat sich als Begleiter für 96-Kicks längst etabliert. Vor dem Anpfiff legte ich die DVD vom Pokalsieg 1992 in den DVD-Player ein. Ich spulte allerdings bis zum Elfmeterschießen vor, denn Geschehen in den ersten zwei Stunden ist eher als langweilig bekannt.
 
Es war also alles perfekt angerichtet für den Saisonauftakt. Die Roten blieben gegen Victoria Hamburg jedoch hinter den Erwartungen zurück. Der Partie fehlte einfach die Aufbruchsstimmung für einen neuen Angriff auf die Europapokalplätze. Natürlich ist ein hochmotivierter Amateurverein als Gegner zum Saisonbeginn schwierig, doch das Zusammenspiel der 96-Stars blieb mangelhaft. Viele Bälle kamen nicht beim Teamkollegen an. Es wirkte ein wenig, als hätte diese Elf zum ersten Mal gemeinsam Fußball gespielt. Es genügte trotzdem für einen 2:0-Sieg und die nächste Runde wurde erreicht. Okay, meinetwegen darf es so bis zum Finale weitergehen.
 
Merkwürdig waren die Getränkepausen während der 1. und der 2. Halbzeit. Wurde dabei wirklich an die Gesundheit der Spieler gedacht? In vielen Ländern gehören hohe Temperaturen zum Alltag, aber Durstlöscher gibt es trotzdem nur in der Halbzeitpause. Selbst bei den 12 Uhr-Begegnungen der chilenischen Primera División wird durchgespielt. Kann es sein, dass unter dem Deckmantel "Gesundheitsschutz" neue Unterbrechungen für Werbefilmchen geschaffen werden?   

Samstag, 3. August 2013

Radiotage

 
Heute trällerte zum ersten Mal den ganzen Spieltag lang sport1.fm durch meine Wohnung. Fußball im Radio ist ein schöner Begleiter an einem Sonnabend, an dem man dieses und jenes zu erledigen hat. Die Partien im DFB-Pokal waren nicht attraktiv genug, um mir einen wackeligen Live-Stream für die Fernsehübertragung zu suchen. Hannover 96 spielte an diesem Tag nicht.

Der neue Sportsender hat mich positiv überrascht. Von sport1.fm hatte ich eigentlich einen Werbesender mit Fußballberichten erwartet, was ich hörte, klang eher nach 90elf. Die Musikauswahl war identisch. Das Studioteam mit Markus Herwig und Alexander Ibenhain war dasselbe wie beimVorgänger. Das Geschwafel der beiden ist gewiss nicht jedermanns Geschmack, aber ich mag es. Es bringt in die Hochglanzbundesligamedienwelt ein bisschen Fanzine-Charakter hinein. Herwig und Ibenhain bejubeln nicht alles überschäumend, das tut gut.

Wohltuend war ebenso, dass auf Reklamesprüche während der Übertragungen verzichtet wurde. In chilenischen Sendern preisen die Kommentartoren inmitten ihrer laufenden Berichte Baumarktangebote, Waschmittel und Kaufhausketten an. Das stört das Erlebnis Radiofußball sehr. Ich hoffe, sport1.fm greift auch in Zukunft darauf nicht zurück. Jetzt braucht der Kanal nur noch einen Bolzplatznachfolger und sport1.fm gehört zu meinen täglichen Klicks im Internet.


Sonntag, 21. Juli 2013

Haarige Flitzer und diebische Stadionhunde: Tierische Fans beim chilenischen Fußball


 
Vor ein paar Wochen kreiste ein Video aus dem argentinischen Fußball durchs Internet. Der kurze Film zeigte darauf einen Kicker, welcher versuchte einen Hund über die Spielfeldabsperrung zu schleudern. Das Tier prallte gegen die Umzäunung und lief verschrocken davon. Der Werfer sah daraufhin die Rote Karte. Ich habe bislang nicht recherchiert, ob es tatsächlich eine Regel zur Behandlung von Tieren auf dem Platz gibt, sind Hunde doch fester Bestandteil beim Fußball in Südamerika.
Selbst die ganz großen Spiele gehen nicht vorüber, ohne dass ein Vierbeiner über das Spielfeld läuft. Manchmal sind sie Glücksbringer, oft die Pechboten. Beim Copa Libertadores-Halbfinale 2011 zwischen Universidad de Chile und Boca Juniors kreuzte zum Beispiel ein schwarz-weißer Mischling den Platz. Ein schlechtes Zeichen für die Gastgeber, weil es die Farben vom Erzrivalen Colo-Colo waren.  La U schied daraufhin aus und Colo-Colo blieb Chiles einziger Copa Libertadores-Sieger.

Für manch einen Groundhopper zählt der Besuch eines chilenischen Stadions erst, wenn ein Hund auf dem Platz war. Kein Problem, das kommt meistens vor. Mit einem Bekannten wette ich vor dem Anpfiff, in welcher Minute der obligatorische Hund zu sehen ist, aber wie kommen die Streuner bloß in den Innenraum? Der "Plan Estadio Seguro" hat das eigentlich verboten, nur die frechen Tiere halten sich nicht daran. Sie können wahrscheinlich das "Hunde verboten"-Schild am Eingang nicht lesen.
 
Beim Clásico von Talcahuano zwischen Naval und Huachipato am 21. Juli rannte zwar kein Hund über den Rasen, dafür setzte sich ein herrenloses Tier während der 90 Minuten neben uns. Es lauerte darauf, dass mein Begleiter seine Kekstüte fallen lies. Die Geduld machte sich bezahlt: Ein lautes Bellen versetzte meinen Jungen einen Schreck. Die Cracker flogen aus der Hand, der haarige Nachbar schnappte sich den Beutel und rannte glücklich davon. Die Begegnung der beiden Vereine aus der benachbarten Hafenstadt ging übrigens 1:0 für Huachipato aus. Ein paar der nur 1.500 Fans lieferten sich nach dem Abpfiff kleinere Rangeleien. Von Hundebissen ist allerdings nichts bekannt.  

Dienstag, 16. Juli 2013

Die Copa Chile: Pokalfieber mit niedrigen Temperaturen

Goooooooooool! 2:0  für die Mannschaft der Universidad de Concepción.
Die Copa Chile ist der nationale Vereinspokalwettbewerb. Seit der Wiedereinführung fehlt ihm noch der Charme. Er ist kein richtiges Gegenstück zum DFB-Pokal, weil seit der Saison 2013/2014 Amateurmannschaften fehlen und der Modus eher an die internationalen Turniere erinnert. Momentan findet die Gruppenphase statt.
 
In diesen Gruppen treffen Teams aus der Primera A und B aufeinander. Die Zusammensetzungen werden vor allem regional gebildet. Somit werden weite Reisen in dem langen Andenstaat vermieden. In der Gruppe 2 stehen zum Beispiel mit Universidad de Concepción (UdeC), Huachipato, Naval und Lota Schwager nur Vereine aus dem Großraum Concepción.  
 
Alles Clásicos könnte man meinen, doch die Stadien sind nur mäßig gefüllt. Bei der Partie zwischen der UdeC und Naval (3:0) waren am 16. Juli zum Beispiel weniger als 2000 Zuschauer auf den Rängen. Die Gastgeber sind eine schwache Kulisse gewöhnt, es gibt populärere Teams als die Blaugelben. Die Gäste aus Talcahuano haben im eigenen Stadion ein sehr lautstarkes Publikum, bei diesem Spiel hatten sie zwar die Mehrheit auf ihrer Seite, jedoch ebensowenig in beeindruckender Zahl.  
 
Der Wettbewerb wird leider weder von  den Zuschauern noch von den Mannschaften selbst besonders gut angenommen. Die Begegnungen finden in der Winter- und Sommerpause statt und die großen Hauptstadtklubs wie Universidad de Chile (la U), Catolica sowie Colo-Colo schicken nicht ihre besten Spieler auf den Platz. Dabei ist der Pokalgewinn eigentlich ein attraktives Ziel, weil der Sieger an der Copa Sudamericana teilnehmen darf.
 
Universidad de Concepción hat die Trophäe 2008 gewonnen. Eine Sause wie nach dem Sensationssieg von Hannover 96 im DFB-Pokal 1992 gab es nicht. Es war eher eine Meldung unter ferner liefen. Generell schneiden auch die übrigen Riegen aus der Stadt ordentlich ab. Zweitligist Deportes Concepción verlor im Finale 2010 erst nach Elfmeterschießen.
 
Die Gruppenphase des Landespokals läuft noch bis zum 25. Juli. Für die darauffolgende KO-Runde qualifizieren sich jeweils die Ersten und die Zweiten der Gruppen. Das Endspiel findet am 24. Januar in einem Stadion in der geographischen Mitte der beiden Finalisten statt.

Montag, 15. Juli 2013

Beschäftigungstherapie


Die Vorfreude auf die neue Saison steigt täglich, dabei ist die Sommerpause im winterlichen Chile besonders lang. Die Muscheln am Strand von Arauco sorgten für eine Beschäftigungstherapie. Zu bewundern ist diese Kunst nicht mehr. Die Wellen spülten die 96 weiter an den Strand.

Sonntag, 14. Juli 2013

Fußball Von Unten begleitet die neue Saison



Die neue Saison steht bevor und beginnt mit einer guten Nachricht: Dieser Blog wird wiederbelebt. Lange genug war er in einen Tiefschlaf verfallen, aber eine Reise zum Fußball von oben im Mai diente neuen Inspirationen.
Es fällt jedoch schwerer denn je sich mit den 96-Spielen auseinanderzusetzen. Die Samstagsarbeit der Blogredaktion und die Europapokalabstinenz der Roten führen dazu, dass Fußball Von Unten nur selten die Partien „live“ verfolgen kann. Liebe Spielplanmacher: Freitags- und Sonntagstermine sind äußerst erwünscht.

Mit dem neuen Schwung werden natürlich auch Seitenschläge verteilt. Ein Aufsteiger aus der Zweiten Bundesliga erweckt nostalgische Emotionen. Der ungeliebte Drecksverein war ein Stück 90er. Längst vergessen und plötzlich wieder da. Fußball Von Unten wird auf Spurensuche gehen, ob in Chile dieser „Clasíco“ irgendeine Rolle spielt.   
Weil die Bundesliga in Zukunft weitgehend in Zusammenfassungen erlebt wird, richtet sich der Blog etwas stärker auf das chilenische Gekicke. Die Liga wurde wieder einmal reformiert. Meister werden inzwischen sogar andere als die großen drei aus der Hauptstadt. Stadien werden neugebaut und, und, und. Es gibt also viel zu berichten.

 

Dienstag, 18. Dezember 2012

Fahnenverbote machen Chiles Stadien sicher


Konfettiregen, Feuerwerk, Luftschlangen und Fahnenmeere: Die Stadionatmosphäre in Lateinamerika gilt für viele europäische Fans als paradiesisch. Reisende schwärmen von den Klassikern. In Chile ist es das Duell zwischen dem Rekordmeister Colo-Colo und Universidad de Chile (La U). Die Begegnungen der Erzrivalen sind für Spektakel auf den Rängen bekannt, doch spätestens seitdem der Plan Estadio Seguro (Sicheres Stadion) in Kraft getreten ist, hat der Superclasico viel Attraktivität eingebüßt.
Schon in den vergangenen Spielzeiten wurden die Entfaltungsmöglichkeiten für das Publikum stark begrenzt. Der Gebrauch von Pyrotechnik ist auch in Chile ein großes Thema. Jahrelang wurden Bengalos, Rauchbomben etc. toleriert und in den internationalen Auftritten sogar erwünscht, inzwischen ist das Feuerwerk streng verboten. Bei Gebrauch droht Spielabbruch.
Eintrittskarten gibt es für die Derbys in Santiago nur im Vorverkauf und diese Maßnahme wurde bei den Nachbarschaftduellen der kleinen Provinzvereine ebenso durchgesetzt. Wer zum Beispiel die Partie zwischen Naval aus Talcahuano und Deportes Concepcion verfolgen wollte, musste sein Ticket einen Tag vorher erwerben. Anschließend waren nur 3.800 Zuschauer im Stadion. Es hätte mehr sein können, wären am Spieltag die Kassenhäuschen offen gewesen. Der Zuschauermangel ist jedoch bezeichnend für die Liga. Schuld haben daran eher die hohen Eintrittspreise und das niedrige fußballerische Niveau als ein vermeintliches Gewaltproblem, denn zu Ausschreitungen kommt es im chilenischen Fußball eher selten.
Das sehen die Politiker mit ihren Medien anders und so wurde der „Plan Estadio Seguro“ ins Leben gerufen. Sicher sind in den Kurven der populären Hauptstadtvereine rechtsfreie Räume enstanden. Vor allem mit dem Schwarzmarkt sowie dem Drogenhandel verdienen die Anführer der Barra Bravas von Colo-Colo und La U beim Fußball und seinem Drumherum gut. Mit Übereifer wird allerdings versucht die Gruppierungen aus den Stadien zu bekommen und deshalb alles verboten, was man verbieten kann: Während des Spiels zu stehen, Konfetti, Luftballons, Trommeln usw. Selbst auf die Fahnen haben es die Verantwortlichen des Sicherheitsplans abgesehen. Ihrer Meinung nach würden die Flaggen die Gewalt provozieren, da die Fangruppen versuchten sich gegenseitig ihre Banner abzunehmen. Eine Ansicht, die man im Falle eines Clasicos verstehen kann, aber bei allen anderen Partien Kopfschütteln auslöst, besonders weil kleine Kinder ihre Fähnchen bei der Polizei abgeben müssen.

In der Regel begleiten sowieso nur eine Handvoll Gästefans ihre Mannschaften, was den Polizeieinsatz nicht rechtfertigt. Das Heimpublikum ist unter sich und das Verbot zerstört eine Einnahmequelle der Souvenirhändler. Die Stadien sehen ohne die Transparente trostlos aus. Immerhin halten sich die Hunde nicht an das Gesetz. Auf den Schildern an den Eingängen ist zwar deutlich zu lesen, dass sie nicht geduldet werden. Bislang sind streunende Vierbeiner wie gewohnt selbst bei wichtigen Finalspielen über den Rasen gelaufen.

 

 

Sonntag, 15. April 2012

Paradies Europapokal


Ich weiß jetzt, wo das Paradies liegt. Nein, nicht in Chile. Landschaftlich ist es gewiss wunderschön und über die Chilenen gibt es sehr viel zu Gutes berichten, aber hier und da sind unparadiesische Details zu erkennen. Zum Beispiel hat Hannover 96 noch nie in diesem Land gespielt, so bleibt zum Paradies ein langer Weg. Anders als meine Wahlheimat war Hannover irgendwie mit dem wundervollen Ort in den letzten Monaten verwachsen.

Dort gab es von August bis April nur noch glückliche Gesichter. Alle Probleme der Welt lösten sich an der Leine in Luft auf. Schlechte Laune? Nein, die hatte keinen Zutritt für Niedersachsens Landeshauptstadt. Sogar auf die Zeit öffnete sich eine bislang unbekannte Sichtweise. Es wurde nicht mehr Sekunden, Minuten oder Stunden gerechnet. Es gab nur noch vor, bei und nach dem Spiel (was wiederum vor dem Spiel ist.) sowie Anpfiff und Abpfiff. Die Urlaubstage waren unaufbrauchbar und Geldsorgen hatte in Hannover sowieso kein Mensch. Keine Reise war zu weit oder zu teuer, jeder war immer und überall dabei. Das Zauberwort hieß „Europapokal“ und war zugleich der Schlüssel zum Paradies.

Europapokal: Ich staunte jedenfalls nicht schlecht, was in den vergangenen Monaten möglich gewesen ist. Meine Freunde pendelten ganz selbstverständlich zwischen Poltawa und Madrid. Alte Flugängste wurden besiegt und alle Grenzen überwunden. Ja, ein bisschen Neid kam in mir auf, denn vom Europapokal hatte ich immer geträumt. Ihnen sei der Trubel gegönnt, sie hatten das in den grauen Jahren verdient. Wenigstens hatte ich es fernab des Geschehens und trotz Zeitunterschieds geschafft fast alle Begegnungen zu sehen. Die Partie in Brügge verfolgte ich sogar direkt am Sandstrand. Auch nett, trotzdem nicht das gleiche wie mit den alten Kumpels in belgischen Kneipen das Spiel auszuwerten.

Selbst vor dem Bildschirm habe ich die Europa League sehr genossen. Die gute Stimmung aus Hannover schwappte über den Atlantik. Der Donnerstag als 96-Spieltag entwickelte längst Routine und der Nebeneffekt mit den Ansetzungen am Sonntag war ebenfalls positiv. Teilweise gab es meinen Lieblingsverein dreimal pro Woche „en vivo“ im südamerikanischen Fernsehen. Da lohnt sich jeder Peso für den Kabelanschluss. Dem Sender Foxsports gebe ich allerdings die Schuld am Zerplatzen der roten Seifenblase. Dreimal strahlte der Kanal 96 aus und dreimal lief es schief.

Die Niederlagen gegen Madrid habe ich schnell abgehakt. Die Roten erreichten mehr als ich erwarten durfte, obwohl ich zwischendurch sogar von der Finalteilnahme überzeugt gewesen bin. Am Ende reichte es nicht, weil Hannover die Kraft ausging. Es bleibt die Hoffnung, dass die Europareisen von 96 fortgesetzt werden. Die Slomka-Elf muss sich in den letzten drei Spielen noch einmal aufrappeln und ist wieder im paradiesischen Europapokal dabei. Nicht nur wegen der internationalen Ehren drücke ich meine Daumen. Neuerdings bin ich auf Sonntagsspiele angewiesen, weil ich samstags arbeite.

Freitag, 26. August 2011

Weiter gegen Sevilla


In der Vorwoche wurde auf dieser Seite bereits über das donnerstägliche Ritual im Univiertel berichtet. Während also das Europapokalrückspiel in Sevilla an meinen Nerven zerrte, lieferten sich Polizei und Demonstranten wie gewohnt stundenlange Straßenschlachten unweit meiner Wohnung. Die Luft war beißend in der Nase und brennend in den Augen. Fenster zu lautete die Devise für den ungestörten 96-Genuss.

Was draußen passierte, ignorierte ich. Die Nacht zuvor hatte mich deprimiert und mir deutlich gemacht, dass ich am 25. August lieber in Sevilla mit den alten Freunden ausgelassen feiern sollte statt im chaotischen Chile zu sein. Derzeit wird zwar Landesgeschichte geschrieben, doch der Preis ist sehr hoch und bringt traurige Seiten ans Licht. Den Generalstreik der vergangenen Tage nutzten zahlreiche Kriminelle aus, um zu plündern und Barrikaden zu bauen, die nur der Befriedigung ihrer Zerstörungslust dienten, dem Studentenprotest allerdings einen Bärendienst erwiesen.

Ebenso wie die dunklen Gestalten bei den Scharmützeln der Nacht, verhindern stets die Steinewerfer eine vernünftige Diskussion zwischen Studenten und Politikern. Die Encapuchados – die Vermummten – sind derzeit täglich in den chilenischen Schlagzeilen. Dabei handelt es sich um meist junge Randalierer , die jede Demonstration mit Gewalt beenden. Sie sind eigentlich nur eine Minderheit bei den Protestmärschen, leider sind sie die auffälligsten Teilnehmer. Einmal in Fahrt haben Gewalt und Vandalismus freien Lauf. Die Polizei versucht das mit Tränengas und Wasserwerfern zu stoppen. Sinnlos, denn die Agressionen werden nur gesteigert und friedliche Demonstranten bekommen die Repressionen der Staatsmacht zu spüren, weil sie leichter zu verhaften sind.

Der Morgen vor dem großen Kick begann daher etwas missgestimmt. Nachdem ich Zeuge sein musste, wie die Baustelle in meiner Straße aus reiner Zerstörungswut in Brand gesetzt wurde, blickte ich neidisch auf die Bilder der Sevillareisenden. In Spanien schien die Welt in Ordnung zu sein, Concepción drohte dagegen ein weiterer konfliktreicher Tag.

Ich lies mich zum Glück von der Feierlaune der 96-Fans begeisterten und versank im Kosmos Internet. Ich erwartete ein schwieriges Spiel gegen den FC Sevilla. Die Spanier begannen stark, aber Hannover hat einfach eine richtig gute Mannschaft, die dem Ansturm standhielt. Das 1:0 durch Moa Abdellauoe löste einen Jubelsturm in der heimischen Wohnung aus. Die Gruppenphase war zum Greifen nahe, nur das Eigentor von Pogatetz zum 1:1 war etwas belastend für das 96-Herz. Es hielt bis zum Abpfiff durch, wenngleich es dem Infarkt nahe war. Die Gruppenphase hat Hannover sich verdient und wird sie in dieser Form auch überstehen.

Ich wollte nach dem Schluss gerne in einer der zahlreichen Kneipen an der nahen Plaza Peru feiern. Sie ist ideal für Europapokalpartys. In der Mitte steht ein Brunnen, ringsherum wird gut und gerne gesoffen. An diesem Donnerstag jedoch nicht, der Platz gehörte den Encapuchados und der Polizei. Der FC Vermummt lieferte sich einen revolutionären Kampf mit der Equipe Verde. Vermummen wollte ich mich nicht, sondern ganz offen meine Sympathien für Hannover 96 zur Schau stellen. Mir blieb mein Balkon, zwar nicht besonders lange, aber das Tränengas konnte meine 96-Euphorie nicht bremsen.

Sonntag, 21. August 2011

Ein gefühltes 2:1 gegen Hertha BSC


„Nein, Papa, ich will nicht Fußball gucken, ich will Fußball spielen“, erklärte mir mein Sohn vor der Partie gegen Hertha BSC Berlin. Es war 12 Uhr mittags und wir hatten den ganzen Vormittag auf dem Campus der Universidad de Concepción verbracht. Die streikenden Studenten hatten ein Familienfest organisiert, auf dem sich Diego pudelwohl fühlte. Die Sonne schien, es war sommerlich warm im chilenischen Winter. Ein idealer Tag, um mit einem anderen Jungen über den Rasen hinter einem Ball herzurennen. Sein Spielpartner wunderte sich, was ihm mein Sohn auf Deutsch-Spanisch stolz erzählte: „Eso es la camiseta von Sechsundneunzig“ Wie immer an Spieltagen trug er sein zu großes Trikot. Dass er als Fan Verpflichtungen hat, wollte er nicht einsehen, daher störte ich, als kurz vor Spielbeginn den Heimweg ankündigte. Ich vertröstete Diego, indem ich ihm verprach sofort nach dem Ende zurückzukehren.

Vor dem Fernseher angekommen, verschwand sein Zorn in sekundenschnelle. „Oh, sechundneunzig olé“, erkannte er und ich durfte mich 90 Minuten auf etwas anderes als ihn konzentrieren. Längst hat der kleine Jungen gelernt, wie heilig die Roten für seinen Vater sind und macht in der Regel alles mit. Mit Fahne, Mütze, Schal etc. ausgestattet setzte er sich mit aufs Sofa und sang „Alte Liebe“, jedoch sooft, dass man es ohne väterlicher Liebe als nervend bezeichnend könnte. Sein gutgemeinter Gesang endete mit dem Torjubel nach Pintos Treffer zum 1:0, ging dann in einen „Oh, 96 allez“-Dauersupport über und wurde durch Puddingkonsum gestoppt. „Sechsundneunzigpudding“, wie er festgestellt hat. Der Pudding schmeckte fast meisterhaft, was an der Blitztabelle lag.

So fühlt sich das also an, wenn man zwischendurch Spitzenreiter der ersten Bundesliga ist. Leider wehrte der Augenblick nicht bis zum Abpfiff. Am dritten Spieltag wurde den Roten ihr Standardergebnis der jungen Saison nicht gegönnt. Nach den 2:1-Siegen gegen Hoffenheim, Nürnberg und Sevilla gab es nur ein 1:1. Warum das Tor aberkannt wurde, war in der Wiederholung nicht zu erkennen. Der perfekte Start blieb ein unerfüllter Wunsch, doch 96 scheint sich erneut oben einzureihen. Der Mannschaft ist es gelungen sich zwischen den Europapokalabenden auf die Liga zu konzentrieren. Das Tempo war zwar nicht so hoch wie gegen Sevilla, aber zumindest eine Halbzeit lang bestimmte 96 das Spiel eindeutig. Im zweiten Durchgang schwanden die Energiereserven, die Folgen der Gala vom Donnerstag waren sichtbar.

Ich selbst war letztlich froh nach zwei Stunden Pause wieder raus ins Grüne zu dürfen. Der Tag war zu schön, um ihn vor dem Fernseher zu verschwenden und das Fest hatte sich inzwischen gut gefüllt. Diego verschwand in einer Hüpfburg. Ein einfacher Nachmittag für mich. Es war die bunte Seite des andauernden Studentenprotestes. Das nächste Spiel ist wieder Donnerstag und donnerstags knallt es am selben Ort, das erleichtert den Fußballfernsehkonsum. Für Straßenschlachten ist der bald Dreijährige noch zu klein.

Donnerstag, 18. August 2011

Internationale Klasse gegen Sevilla


Der erste Auftritt von Hannover 96 im Europapokal seit 19 Jahren erinnerte etwas an die letzte Vorstellung von Dynamo Dresden im Uefa-Cup vor zwei Dekaden. Steine, Bengalos und Molotow-Cocktails flogen umher. Die Bereitsschaftspolizei versuchte mit Wasserwerfern und Tränengas die Gegner im Schach zu halten. So sah das jedenfalls während und nach dem 96-Spiel in Concepción aus. Mit 96 hatte das natürlich weniger zu tun, selbst wenn die Beteiligten Spanisch sprachen. Die einzige Gemeinsamkeit dürfte vielleicht sein, dass Hannovers Fußballstil und Concepcións Art zu randalieren momentan wirklich internationale Klasse haben.

Ausschreitungen sind ein völlig normales Spektakel an chilenischen Donnerstagen. Seit Monaten protestieren die Studenten gegen das Bildungssystem und haben die Universitäten sowie Schulen besetzt. Donnerstags demonstrieren sie regelmäßig auf der Straße, was stets in Tumulten endet. Das Zentrum des Radaus ist meine Nachbarschaft. Als Anwohner habe ich mich damit arrangiert. An solchen Tagen müssen Besorgungen eben früher erledigt werden und Zitronen im Haus sein. Das saure Obst hilft gegen das Tränengas, mit welchem die Polizei mein Viertel einnebelt.

An diesem Donnerstag sollten mich die Straßenschlachten nicht weiter interessieren. Ich hatte nicht vor zur besten Steinewerfzeit meine Wohnung zu verlassen, denn zeitgleich lieferte 96 den Beweis europapokaltauglich zu sein. Ich lies also trotz des frühlingshaften Wetters die Fenster zu, um mir nicht durch das Tränengas die Sicht auf ein grandioses Spiel trüben zu lassen.

Was da über den Computermonitor flimmerte, war erstaunlich. Die Stimmung aus dem Niedersachsenstadion von Beginn an schwappte in mein Arbeitszimmer über. Die Roten stürmten los, trafen und meine Torjubel dürften die Bambule vor der Haustür für ein paar Momente unterbrochen haben. Hannover kickte also nicht nur international, sondern auch hervorragend. In der ersten Halbzeit war 96 den Gästen deutlich überlegen und es war schade, dass ich auf das Spektakel vor Ort verzichten musste. Eintrittskarten hatte ich, nur leider keinen Urlaub. Ich bin weit genug von dem Geschehen entfernt, um solche Versäumnisse zu verkraften. Ein Blick auf die Weltkarte genügt, allerdings spielte das wie beim Kampf um den Klassenerhalt in der Saison 2009/10 keine Rolle. Hannover ist in solchen Momenten in Concepcion spürbar.

Mit 2:1 wurde also Sevilla nach Hause geschickt. Die Partie war grandios, das Ergebnis jedoch lässt keine Planungen zu. Die Gruppenphase der Europa League ist noch lange nicht erreicht. Die Spanier werden in ihrem Heimspiel besser aufpassen und 96 nicht so einfach durch ihre Reihen tanzen lassen. Doch die Roten dürfen optimistisch sein. Sie haben gezeigt, dass sie eine richtig gute Mannschaft haben. Diese kann in Sevilla gewinnen.

Bis zum Rückspiel müssen die 96-Fans eine endlos lange Woche abwarten. Ich habe mir daher nach dem Abpfiff zum Zeitvertreib die Ausschreitungen vor der Haustür angeschaut. Neue Erkenntniss gab es nicht. Es brannten Barrikaden, flogen Steine und roch nach Tränengas. Das übliche Schauspiel an einem Donnerstag in Concepción. An mir rauschte das alles vorbei. Ich war mit den Gedanken ganz woanders.

Mittwoch, 17. August 2011

Chiles Mann in Sevilla

Wenn Hannover 96 versucht den FC Sevilla aus dem Europapokal zu schießen, schauen viele chilenische Fußballfans dem Spektakel zu. Für den spanischen Gegner läuft der Santiaguino Gary Medel auf, der in seiner Heimat ein Star ist. In der Nationalelf gilt der "Pitbull", wie er genannt wird, als feste Größe. Selbst als defensiver Mittelfeldspieler ist er torgefährlich und führt seine Teams zur Not mit der Brechstange zum Torerfolg. Sicherlich ist er nicht so technisch versiert wie sein Landsmann Alexis Sanchez, aber Medel wurde 2008 zu Chiles Fußballer des Jahres gewählt. Bereits in sehr jungen Jahren trat er sehr erfahren auf dem Platz auf und heute als 24-Jähriger hält er sein Gemüt etwas mehr im Zaume. Einer wie der Pitbull ist daher für jede Mannschaft eine Verstärkung.

Im deutschen Boulevard dürfte Medel in die Schublade der Kultkicker gesteckt werden, denn der Nationalspieler ist volksnah und ein Kind der Fankurve. Auch nachdem er seinen Heimatverein Universidad Católica (UC) in Richtung Buenos Aires verlassen hatte, zog es ihn immer wieder nach Santiago, um die Spiele der Cruzados zu sehen. Bei Boca Juniors war man nicht besonders glücklich, als das Fernsehen Gary Medel in der Fankurve von Católica zeigte. Bei Boca sah man den Abstecher als Verrat an, dabei standen sich die beiden Teams seit 2005 nicht mehr gegenüber. Der Chilene hatte ein freies Wochenende für einen Besuch in seiner Heimat genutzt. UC hatte ein wichtiges Spiel in der Meisterschaft und Gary Medel trommelte in der Fankurve seine Ex-Kollegen nach vorne. Das hatte Medel übrigens schon in Diensten von Católica getan, wenn er wegen diverser gelben und roten Karten nicht aufs Spielfeld durfte. In solchen Fällen mischte er sich unter die „Hinchas“ und übte sich als Anpeitscher.

Bei Boca war er von 2009 bis 2010 unter Vertrag und gewann bei den Argentiniern ebenfalls schnell die Herzen der Fans, weil er ein Fußballarbeiter ist, der zudem ein paar Tricks beherrscht. Unsterblich machte er sich mit seinen zwei Toren im Superclasico 2010 gegen den heutigen Zweitligisten River Plate. Medel trifft besonders gerne in den Clasicos, auch Católicas Erzrivalen Universidad de Chile besiegte er mit einem Doppelpack.

Den europäischen Vereinen fiel er mit seinen Leistungen vor allem bei der WM 2010 auf, dabei wollte er Boca nicht verlassen. Weil die Blaugelben für den europäischen Markt ausbilden, stimmte er dem Verkauf in die spanische Liga zu und wechselte im Januar 2011 nach Sevilla. Spontane Heimflüge um Catolica anzufeuern sind nicht mehr möglich, aber die Chilenen behalten ihn im Auge. Seine Auftritte werden werden von den chilenischen Medien weiter verfolgt und so war es eine Schlagzeile wert, dass der Pitbull gegen 96 in der Startelf steht. Unerwähnt blieb jedoch, dass ihn ein Mad Dog beim Zug zum Tor aufhalten wird.

Dienstag, 26. Juli 2011

Der Europapokal verkompliziert alles


Ab Sonntag hat das Leben wieder einen Sinn. Mit dem DFB-Pokal beginnt die neue Saison und damit verschwindet diese unerträgliche Leere zwischen dem Samstagsfrühstück und den Stadionbesuchen in der chilenischen Liga. Es ist schwer zu sagen, wie 96 abschneiden wird. Die vergangene Spielzeit endete überraschend gut. Von einer Wiederholung dieser Erfolggeschichte gehe ich nicht aus, wenngleich ich nicht glaube, dass die Roten schlechter kicken werden. Der Kader wurde zusammen gehalten und verstärkt. Die Konkurrenz wird allerdings weniger Punkte verschenken, aber für einen Platz unter den ersten Acht sollte es reichen.

Das Überthema ist der Europapokal. Ein Erreichen der Gruppenphase wird von mir organisatorisch einiges abverlangen. Es gilt, den Donnerstagnachmittag von Arbeit frei zu halten. Bislang ist dieser vollbelegt. Es könnte passieren, dass das internationale Comeback weitgehend an mir vorbeirauscht. Ich versuche deshalb meine Erwartungen und Vorfreude mithilfe von rumpelnden Beispielen zu dämpfen und rufe mir Hertha BSC Berlin ins Gedächtnis, ein ideales Beispiel zur Euphoriebremsung. Gerade die Hauptstädter kennen die Uefa-Wettbewerbe als langweilige Plagerei. Ein 0:0 bei Nebel gegen irgendeine osteuropäische Mannschaft war Standard im leeren Olympiastadion. Der Europapokal ist vielleicht gar nicht so toll, wie er jetzt in Hannover beworben wird.

Doch 96 ist nicht Hertha. Als Gegner kann kommen, wer will, die Stars werden die Roten und der Wettbewerb an sich sein. Das Stadion füllt sich von alleine. Vor allem gibt es mindestens ein Pflichtspiel im Ausland und als 96-Fan hat man eine Lust auf neue Erfahrungen. So könnte im Falle eines traditionellen Weges, den viele Teams in der Postüberraschungssaison eingeschlagen haben, selbst ein Abstieg positiv verkauft werden: Nach zehn Jahren Bundesligaroutine treffe 96 endlich wieder auf neue Gegner in einer ganz anderen Liga. Wie bereits eingangs erwähnt, dürfte Hannovers Riege stark genug sein, um nicht den mahnenden Beispielen von Bochum und Nürnberg, die sich nach einem Superjahr unverhofft am Tabellenende wiederfanden, zu folgen.

Ich werde die Saison 2011/12 mit den bewerten Mitteln beobachten. Die Hausaufgaben sind gemacht. Der kleine Sohn hat ein paar Fanlieder dazugelernt und der Fußballsender golTV besitzt weiterhin die Bundesligarechte. Wenn die Roten freitags oder sonntags spielen, ist eine Fernsehübertragung gesichert. Im Internet werden sich auch ein paar Streams finden lassen und zur Not hilft das Bundesigaradio. Unklar ist noch, wieviele Auftritte vor Ort sehen kann. Die Kombination 96 + Europapokal = Sonderurlaub stößt bei meinen Arbeitgebern nicht auf die gleiche Begeisterung wie bei mir. Für mich spricht, dass ich weit und breit der einzige bin, der diese Argumente anführt.

Mittwoch, 13. Juli 2011

Saisonabschluss



Tobias und Karsten tranken Bier an der Theke einer beliebten Fußballkneipe von Valparaiso. Um sie herum war alles rot und die beiden fast schon blau. „Chi - Chi – Chi – Le – Le – Le! Viva Chile“ brüllten die anderen Gäste in kurzen Abständen. Über die Bildschirme flimmerte der Pazfikklassiker Chile – Peru. Eine Partie der Copa America, die Platz für Gespräche ließ. „Wie ist eigentlich die Bundesligasaison gelaufen?", wollte Tobias wissen. Er war schon länger unterwegs und hatte das Finale gar nicht mitbekommen, erklärte er. Ein Lieblingsthema von Karsten, BVB-Fan: „Also meine Borussia ist Meister, dann folgen Leverkusen und München. Vierter wurde 96...“ „Wie?“, unterbrach ihn Tobias erstaunt, „Die Roten im Europapokal?". Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit Platz Vier. Seine Roten waren ursprünglich ein Team für die untere Tabellenhälfte und kaum war er eine Weile in anderen Ländern unterwegs, öffneten auch seine Lieblinge neue Horizonte. "Sag mal, so sehr interessiert dich der Kram nicht, oder?", fragte ihn Karsten, der von der Unwissenheit seines Gesprächspartners noch überraschter war, denn Tobias trug ein 96-Trikot. Die Saison 2010/11 war längst Geschichte, für Tobias waren die Meldungen neu.

Karsten ahnte nicht, dass Tobias ein glühender 96-Fan war, aber der vermeintliche Ignorant hatte lange abgeschaltet. Ein dreiviertel Jahr lang ist er mit dem Rad durch Chile gestrampelt. Auf seiner Reise lies er das Internet ebenso wie deutsche Zeitungen unangestastet. Einfach mal so richtig weg sein, lautete sein Plan. Tobias wollte raus aus dem Alltag und rein in das fremde Land am anderen Ende der Welt. Keine Notizen bei sozialen Netzwerken, keine Blogeinträge sollten ihn davon ablenken. Nachrichten aus Deutschland blieben in Europa. Ungewöhnlich in diesen Tagen, aber er war konsequent: „Früher gab es das auch alles nicht.“Tobias hat nie verstanden, warum einige Leute in ihrem Urlaub die ganze Zeit am Computer oder Telefon klebten, um der Welt mitzuteilen, wie lecker die Empanada und wie beschissen das Bahnhofsklo waren. „Am Internet kann ich zuhause genug abhängen“, war sein Kommentar.

Karsten fragte sich, ob er einem Menschen aus vergangenen Jahrhunderten gegenübersaß. Anders als Tobias genoss er das globale Dorf im kleinen Notebook. „Damit bin ich unabhängiger und kann von überall alles erfahren, was ich will.“ Er schrieb regelmäßig seinen Freunden nach Hause, so blieb auch während des Auslandssemesters in Kontakt. „Das stimmt, aber ich wollte nur das wissen, was ich mit meinen Augen sah.“ Bundesligaergebnisse waren daher ein Geheimnis des anderen Kontinents, obwohl Tobias im 96-Trikot durch die Atacama-Wüste radelte und mit einer schwarz-weiß-grünen Mütze durch die Nationalparks im Süden stiefelte.

„Hast du nie zuhause angerufen?“ Natürlich habe er das, erklärte Tobias und sein Vater musste sich auf die Zunge beißen, um nicht die 96-Ergebnisse zu verraten. Die Spieltermine durfte der alte Herr aber verraten, im Herzen war der Aussteiger nämlich dabei. Er sang stets egal wo kurz vor dem Anpfiff das Lied „96 – alte Liebe“. „Das war manchmal richtig peinlich, denn ich war unter Leuten, beim Gottesdienst, am Fahrkartenschalter oder in Begleitung einer hübschen Eroberung“, gestand er. Sein Gegenüber lachte: „Da hast du also die tollste Saison seit Jahrzehnten verpasst und dich nebenbei zum Trottel gemacht.“ So ärgerlich war das jedoch nicht, außerdem hatte er gleich ein neues Reiseziel für eine längere Radtour: das erste Auswärtsspiel von 96 im Europapokal.