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Sonntag, 21. Juli 2013

Haarige Flitzer und diebische Stadionhunde: Tierische Fans beim chilenischen Fußball


 
Vor ein paar Wochen kreiste ein Video aus dem argentinischen Fußball durchs Internet. Der kurze Film zeigte darauf einen Kicker, welcher versuchte einen Hund über die Spielfeldabsperrung zu schleudern. Das Tier prallte gegen die Umzäunung und lief verschrocken davon. Der Werfer sah daraufhin die Rote Karte. Ich habe bislang nicht recherchiert, ob es tatsächlich eine Regel zur Behandlung von Tieren auf dem Platz gibt, sind Hunde doch fester Bestandteil beim Fußball in Südamerika.
Selbst die ganz großen Spiele gehen nicht vorüber, ohne dass ein Vierbeiner über das Spielfeld läuft. Manchmal sind sie Glücksbringer, oft die Pechboten. Beim Copa Libertadores-Halbfinale 2011 zwischen Universidad de Chile und Boca Juniors kreuzte zum Beispiel ein schwarz-weißer Mischling den Platz. Ein schlechtes Zeichen für die Gastgeber, weil es die Farben vom Erzrivalen Colo-Colo waren.  La U schied daraufhin aus und Colo-Colo blieb Chiles einziger Copa Libertadores-Sieger.

Für manch einen Groundhopper zählt der Besuch eines chilenischen Stadions erst, wenn ein Hund auf dem Platz war. Kein Problem, das kommt meistens vor. Mit einem Bekannten wette ich vor dem Anpfiff, in welcher Minute der obligatorische Hund zu sehen ist, aber wie kommen die Streuner bloß in den Innenraum? Der "Plan Estadio Seguro" hat das eigentlich verboten, nur die frechen Tiere halten sich nicht daran. Sie können wahrscheinlich das "Hunde verboten"-Schild am Eingang nicht lesen.
 
Beim Clásico von Talcahuano zwischen Naval und Huachipato am 21. Juli rannte zwar kein Hund über den Rasen, dafür setzte sich ein herrenloses Tier während der 90 Minuten neben uns. Es lauerte darauf, dass mein Begleiter seine Kekstüte fallen lies. Die Geduld machte sich bezahlt: Ein lautes Bellen versetzte meinen Jungen einen Schreck. Die Cracker flogen aus der Hand, der haarige Nachbar schnappte sich den Beutel und rannte glücklich davon. Die Begegnung der beiden Vereine aus der benachbarten Hafenstadt ging übrigens 1:0 für Huachipato aus. Ein paar der nur 1.500 Fans lieferten sich nach dem Abpfiff kleinere Rangeleien. Von Hundebissen ist allerdings nichts bekannt.  

Dienstag, 27. Juli 2010

Colo-Colo spielt Fußball mit Möwen in Concepcion


Die Bundesligapause dauert an und die Wochenenden sind daher etwas unausgefüllt. Es gibt keinen Torjubel am Morgen und auch die verärgerten Tritte gegen den Schreibtisch bleiben aus. Einem Samstag fehlt etwas, wenn 96 nicht spielt. Testspielergebnisse gegen unterklassige Riegen sind aus der Ferne kein Ersatz.
Immerhin kehren Chiles Profikicker in den Spieltbetrieb zurück. Bei winterlichen Grau schaue ich die Partie zwischen Universidad de Concepción und Colo-Colo an. Wer Stadionbesuche nach guter alter Art mag, ist bei solchen Kicks richtig aufgehoben. Bei Regen schützt kein Dach. Halbzeitshows gibt es nicht. Lediglich die Möwen sorgen für ein Rahmenprogramm. Etwa 96 Tiere umkreisen das Spielfeld und die Tribünen. Die Nähe zum Meer ist erkennbar. Abgesehen von der örtlichen Tierwelt gibt es Fußball pur.
Die Ränge sind gut gefüllt, wenn Colo-Colo in die Provinz reist, so auch in diesem Spiel. Knapp 13.000 Zuschauer sind im Estadio Collao, gut 12.500 sind Anhänger der Gastmannschaft. U de Conce ist zwar der einzige Erstligist der Stadt, aber ein Verein ohne Fans. Die Traditionsriegen von Depórtes und Fernandez Vial dümpeln in der zweiten bzw. dritten Liga herum. Sie haben trotzdem mehr Zuspruch.

Ich setze mich unter die zahleichen Fans der Weißschwarzen. Die meisten von ihnen kommen nicht aus Santiago, sondern aus dem Großraum Concepción. „Coco-Colo ist Chile“, behaupten sie und haben wahrscheinlich recht. Der Rekordmeister hat im ganzen Land seine Sympathisanten. An diesem Nachmittag entfacht seine Elf jedoch keine Euphorie. Ideenlos agiert sie auf dem Platz. „Furchtbar langweilig“, sage ich zu meinem Nachbar, der längst begonnen hatte per Telefon im Internet nach Ablenkung zu suchen. „Ja, das ist wahr“, stimmt er mir zu und schiebt die Schuld auf alle Beteiligten: Der Trainer, die Spieler, der Vorstand, der Rasen, das Publikum. Das ist wohl in allen Stadien dieser Welt gleich.
Der enttäuschte Colocolino schaut mich an: „Du bist kein Chilene, oder?“ Ich leiere meine Standardantworten herunter, denn ich kenne die Fragen schon: Was machst du hier? Gefällt es dir? Wie lange bist du hier? Er entdeckt meinen 96-Schal. „Ist das dein Verein?“ Darauf habe ich gewartet und beginne meine Lehrminuten der 96-Kunde. Der Sitznachbar hört geduldig zu, ist er doch nach eigenen Angaben großer Fan des „Futbol Aleman“ und verfolgt die Bundesliga im Fernsehen. „Wo wird Hannover in der neuen Saison landen?“ will er wissen. „Elfter!“ ist meine Zielvorgabe. Er reagiert verwundert: „Elfter? Kein Meister“ Nein, Meister werden andere. 96 wird Elfter.

Für Colo-Colo wäre das nichts. Alles andere als der Titelgewinn ist eine Enttäuschung, dabei überdecken die aktuellen Meisterschaften das wahre Niveau von Chiles Nummer 1. Der ehemalige Arbeitgeber von Arturo Vidal und Lucas Barrios hat das Problem, jedes Jahr aufs neue seine besten Spieler an europäische Klubs abgeben zu müssen. Manchmal rückt schnell eine exzellente Generation nach, momentan werden Ausnahmekicker wie Alexis Sanchez oder Matias Fernandez vermisst. Die heimische Liga ist kein Maßstab, internationaler Glanz muss her. Außerdem dominiert Colo-Colo derzeit nicht. Gegen Concepción verliert die Equipe mit 0:2. Es ist ein schwacher Auftritt des Tabellenführers, der mit einem Pfeifkonzert quittiert wird.

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Ein Meister, der keiner ist

Colo-Colo hat es wieder einmal geschafft. Zum 29. Mal ist der Verein aus Santiago chilenischer Meister. Im 2. Endspiel gewann das Team am Mittwochabend gegen Universidad Católica (UC) mit 4:2. Verdient hat es der Hauptstadtklub nicht, denn das Jahr lief für den „Cacique“ (Häuptling) eigentlich enttäuschend.

Colo-Colo hat die Ligaphase nur als Vierter abgeschlossen und belegt in der Gesamtwertung 2009 sogar nur den 9. Platz. Die Play Offs machen es jedoch möglich, dass in Chile Mannschaften den Titel holen, die während der Saison kein einiziges Mal Spitzenreiter waren. Die chilenische Meisterschaft wird halbjährig ausgespielt. Alle 18 Mannschaften treten zunächst gegeneinander an und die ersten Acht ermitteln darauf in einer K.O-Runde mit Hin- und Rückspielen den Sieger, der in der Regel Colo-Colo heißt.

Finalgegner Universidad Católica war zwar in der Clausura das überragende Team, doch stand am Ende wie so oft mit leeren Händen da. Nur eine Niederlage kassierte UC zuvor und hatte zehn Punkte mehr als der Ex-Verein vom Dortmunder Lucas Barrios. Colo-Colo ging 5-mal als Verlierer vom Platz, gewann allerdings das entscheidende Spiel gegen den ewigen Zweiten im ausverkauften Estadio Santa Laura in Santiago.

Kurioserweise kusierte im September bei Colo-Colo sogar die Abstiegsangst. Der Rekordmeister war nach einer Niederlagenserie dem Tabellenkeller gefährlich nahe gekommen. Der Traditionsverein vermied den Absturz in die 2. Liga letztlich problemlos und selbst Trainer Hugo Tocalli überstand die Krise. Mit einem Sieg im Superclásico gegen Universidad de Chile wurde die Wende eingeleitet. Seitdem ging es permant bergauf und endete ganz oben. Herzlichen Glückwunsch

Mittwoch, 14. Oktober 2009

La Roja ist bei der WM in Südafrika 2010 dabei


Chile va al mundial – Chile fährt zur WM. Seit vergangenem Samstag kennen die Fans kein anderes Lied mehr. Das Nationalteam des Landes hat sich mit dem 4:2-Sieg gegen Kolumbien vorzeitig für die Weltmeisterschaft 2010 qualifiziert und somit die Chilenen in einen kollektiven Freudenrausch versetzt. Großen Anteil an dem Erfolg hat der argentinische Trainer Marcelo Bielsa, der aus elf talentierten Einzelspielern eine Mannschaft geformt hat.

Zum letzten Mal hatte Chile an der Fußball WM 1998 in Frankreich teilgenommen. Seitdem blamierte sich La Roja, wie die Riege genannt wird, in der Qualifikation eher als das sie überzeugte, bis der große Bielsa kam. Er übernahm die Mannschaft zu einem Zeitpunkt, in dem sie als Ansammlung von Trunkenbolden jedoch nicht als Fußballteam bekannt war. Bei der Südamerikameisterschaft in Venezuela 2007 sorgten die Chilenen fast ausschließlich für Negativschlagzeilen. Die Nationalelf war am Tiefpunkt und Bielsa galt von Beginn an als der große Retter.

Er schaffte zunächst professionelles Arbeitsfeld für die Auswahl und brachte seinen Kickern einen erfrischenden Offensivfußball bei. Chile stürmte von Sieg zu Sieg. Als auswärtsstark präsentierte sich die Mannschaft und begeisterte mit ihrem Hurrastil nicht nur das heimische Publikum. Selbst in den argentinischen Fernsehkanälen wird inzwischen in den höchsten Tönen von La Roja gesprochen. Weil die Qualifikationrunde in Südamerika zu einer WM als inoffizielle Kontinentalmeisterschaft gilt, werden die 18 Spieltage wie eine Liga verfolgt. Zu Platz Eins in der Qualifikation hat es diesmal nicht gereicht, denn Brasilien wies dem Überraschungsteam die Grenzen auf.

Marcelo Bielsas Arbeit besteht nun darin, neben seiner starken Stammformation eine schlagkräftige zweite Reihe zu formen. Die Stars wie Torhüter Claudio Bravo, Leverkusens Arturo Vidal, der Wunderknabe Alexis Sanchez, Torjäger Humberto Suazo und auch das Enfant Terrible Jorge Valdivia überzeugen auf dem Platz. Andere schwanken in ihren Leistungen wie Matías Fernandez. Eventuelle Ausfälle der ersten Elf können das Team hart treffen, denn die Ersatzbank ist bei weitem nicht so stark. Auf einen ausgeglichenen Kader kommt es joch bei einem langen Turnier an. Gelingt es Bielsa diesen zu finden, ist Chile ein Kandidat fürs Viertelfinale. Eine Standortbestimmunng wird das Testspiel gegen Deutschland am 14. November in Köln sein.

Die Qualifikation ist geschafft. Der Verband sollte zusehen, dass die allgemeine Fußballeuphorie auf die marode Liga übertragen wird. In der Primera A kicken die Vereine vor weitgehend leeren Stadien. Die Bedingungen sind mit den zerpflückten Spieltagen alles andere als optimal. Das Play Off System, das in der Regel Klubs Meister werden lässt, die die Tabelle nicht als Erster abschließen, schafft Langeweile. Hier sind dringend Reformen nötig, um den momentanen Erfolg der Auswahl kontinuierlich fortzusetzen. Die WM 98 und die darauffolgende Qualifikationrunde zur WM 2002 sollten warnende Beispiele sein. Nach einem hervorragendem Turnier in Frankreich belegte Chile auf dem Weg nach Japan und Südkorea nur den letzten Platz.

Sonntag, 25. Januar 2009

Universidad de Chile und die Copa Libertadores: ein Sommerchaos


Es war die Telenovela des chilenischen Sommers: Die Stadionsuche von La Universidad de Chile (La U). Zum ersten Mal seit 2005 spielt der Verein wieder in der Copa Libertadores, dem Gegenstück zur Champions League. Gegner ist am Mittwoch, 28. Januar, der mexikanische Verein Pachuca. La U kann allerdings seine traditionelle Spielstätte nicht nutzen. Nach langer Suche wurde ein Ausweichstadion gefunden: das Santa Laura von Union Española.

Es ist typisch für die Organisation des chilenischen Profifußballs. Normalerweise trägt La Universidad de Chile die Heimspiele im Nationalstadion aus. Als beliebtester Klub der Hauptstadt füllen sie Finalort der WM 62 für die örtlichen Verhältnisse ordentlich. Anders als die Konkurrenz von Colo-Colo und Universidad Catolica (UC) sind die Blauen aber keine Eigentümer ihrer Heimstätte und müssen regelmäßig anderen Veranstaltungen wie Open Air Konzerten weichen. Etwas, das sich mit besserer Planung umgehen ließe.

Derzeit werden im Estadio Nacional dringende Renovierungsarbeiten durchgeführt und ausgerechnet in der ersten Runde gegen den mexikanischen Vertreter Pachuca steht La U ohne Stadion da. In der Not wollte der Verein sogar das ungeliebte Estadio Monumental vom Erzrivalen Colo-Colo nutzen, was für viel Spott auf Seiten des Meisters sorgte. Colo-Colo gab am Ende sein Stadion doch nicht frei, weil man berechtigte Angst vor Ausschreitungen hatte und nicht auf einem möglichen Schaden sitzen bleiben wollte.

Die Suche ging also weiter. Viele große Stadien gibt es in Chile nicht. Für die Copa Libertadores sind 20.000 Plätze das Minimum. Bei UC im feinen Stadtteil Las Condes wurde gar nicht erst angefragt, weil der Bürgermeister den Anhang von La U nicht in seiner Kommune sehen möchte. UC muss bei den Derbys gegen Colo-Colo und La U immer ins Nacional umziehen.

Das Collao in Concepción bot sich als Alternative an. La U ist in der Region äußerst populär, das Collao erfüllt alle Anforderungen und selbst die Stadt zeigte sich begeistert. Internationaler Fußball ist im Süden eher selten. Pachuca wollte aber nicht mehr reisen als nötig und akzeptierte die Möglichkeit nicht. In Santiago müsse gespielt werden, so die Mexikaner, die schon genügend Reisestrapazen haben werden und nicht 500 Kilometer südlich weiter wollen.

Am Ende wandte sich La U an Union Española, Besitzer des schönsten Fußballtempels der Hauptstadt. Das Santa Laura ist baufällig, wird aber derzeit herausgeputzt und bietet mit zwei zugedrückten Augen und eingezogenen Bäuchen der Zuschauer genügend Platz. Es könnte sich als Glücksgriff erweisen, weil die Fans das Stadion lieben. Das Publikum ist nah am Spielfeld und La U spielte darin in der Vergangenheit recht erfolgreich. Für neuen Ärger sorgte dann die Eintrittspreise. 8.000 Peso (~10 Euro) sollen die Tickets kosten. Nach Protesten will die Vereinsführung die Preise reduzieren.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Clásico Chileno der Clausura 2008


Der Superclásico ist das Herzstück jeder südamerikanischen Liga. Das ganze Land schaut auf die Partie, in der die beiden größten Erzfeinde aufeinandertreffen. In Chile zieht die Begegnung zwischen Colo-Colo und Universidad de Chile die Aufmerksamkeit auf sich. Am 5. Oktober spielten sie im Estadio Monumental gegeneinander. Die „Albos“ gewannen gegen die Blauen von La U mit 2:0.

La U war ursprünglich Favorit dieser Neuauflage. Die Saison lief bislang sehr zufriedenstellend. Die Tabellenführung ließ die Fans von einer Teilnahme an der Copa Libertadores träumen und 14 Tage zuvor konnte der Verein bereits im ungeliebten Stadion Monumental gegen Palestino gewinnen. Ein Sonderfall, weshalb der blau-rote Anhang optimistisch den Clásico erwartete. Die Mannschaft um Marcelo Salas enttäuschte leider. Sie ging kampflos in langweilenden 90 Minuten vor 40.000 Zuschauern unter. La U verlassen regelmäßig die Kräfte in der Heimstätte von Colo-Colo. Es liegt ein Fluch über dieser Arena.

Die Fans bevorzugen die Stadtderbys im weitläufigeren Estadio Nacional, weil sie in der Regel wahre Fußballfeste sind. Im Finalspielort der WM 1962 sorgen mehr als 60.000 Zuschauer stets für eine prächtige Stimmung, weil auch beide Seiten gleichstark vertreten sind. Größere Probleme gibt es dabei nicht. Lediglich das Schimpfwörtervokabular wird ausgiebig erweitert.

Anders sind die Partien beim Rekordmeister. Colo-Colo bietet den Blauen nur 6.000 Karten an und die Gästekurve gehört zu den schlechtesten im Fußball. Rostige Drahtzäune erlauben nur einen perforierten Blick auf den Rasen und durch die Enge beim Eingang sowie im Stadion sind Ausschreitungen vorprogrammiert. Auf dem Vorplatz gehört es zur guten Tradition sich mit der Polizei eine zünftige Schlacht zu liefern. Die Staatsmacht nutzt dabei wenig zimperlich Wasserwerfer, Tränengas und Knüppel. Die „Los de Abajo“ von La U helfen sich mit Steinen, Flaschen sowie anderen Wurfgeschossen. Es ist eine etwas andere Folklore, aber ein Muss bei jedem Clásico.

Im Stadion einmal angekommen, werden sofort die Toiletten und Absperrungen auf ihre Standhaftigkeit geprüft. Die Qualität wurde verbessert, denn anders als in den Vorjahren konnte dieses Mal der Zaun nicht eingerissen werden. Colo-Colo hatte sogar vorgesorgt und die losen Steine aus der Kurve entfernt. Es flogen deutlich weniger Gegenstände, ein Umstand, den ich nicht bemängelte, stand ich doch direkt am Zaun in der Schusslinie.

Das Duell auf den Rängen gewannen klar die Hausherren. Sie hatten das größere Feuerwerk und lautere Gesänge. Ein 2:0 macht das Feiern leicht und die Hinchas von La U waren eher mit der Fassunglosigkeit von dem Dargebotenem als mit Unterstützung beschäftigt. Hier und da muckte der Mob mal auf, doch es war ein ruhiger Clásico auf Seiten der Blauen. Erst beim Ausgang ging es wieder hoch her, als die Fans auf die Polizei trafen. Das Vorprogramm wiederholte sich und die Wasserwerfer spülten die Zuschauer zur Metro. Direkt am Zaun und mit Blick auf die Rivalen. Sicht aufs Spielfeld für 6.000 Pesos.

Sicher ist sicher: viele Fans kamen mit Fliegenklatschen und Atemschutzmasken ins Monumental

Freitag, 5. September 2008

Chile auf dem Weg zur WM 2010


Ohne Bundesliga und Primera A muss dieses Wochenende verbracht werden, weil die Qualifikationsspiele zum Weltmeisterschaft ihren Platz beanspruchen. Fußballzwerge treffen dabei auf Riesen, wie im Falle Liechtenstein und Deutschland. Ein anderes David gegen Goliath-Duell ist auch Chile gegen Brasilien, wobei die Roten eher internationale Zweitligisten und keine Amateure sind.

Nach der skandalösen Copa America 2007, bei der die Andenkicker mehr durch Sauftouren als durch Torszenen auffielen, waren Reformen in der chilenischen Nationalmannschaft notwendig. Ex-Trainer Nelson Acosta hatte die Kontrolle über seine Spieler vollständig verloren und der Ruf der Nationalelf war komplett ruiniert, dabei verfügt Chile über hervorragende Individualisten. Alexis Sanchez, derzeit in den Diensten von Udinese Calcio, kann ganz alleine die Abwehrreihen ausdribbeln. Humberto Suazo hat im mexikanischen Monterrey seine Torjägerqualitäten erstaunlich verbessert. Auch Leverkusens Arturo Vidal ist im jungen Alter schon eine sichere Stütze in der Defensive. Bedauerlicherweise bleibt das Jahrhunderttalent Matías Fernandez in Villareal hinter den Erwartungen zurück. Bei Colo-Colo wirbelte er mit dem Enfant Terrible Jorge Valdivia über südamerikas Fußballplätze.

Jorge Valdivia steht zugleich symptomatisch für den chilenischen Fußball. Der ewig kaugummikauende „Mago“ verfügt ohne Zweifel über spielentscheidende Fähigkeiten, doch besitzt leider zuwenig Intelligenz außerhalb des Rasens. In der Skandalnacht von Maracaibo, als die Nationalspieler im Hotel betrunken mit Schinken und Marmelade um sich warfen, war er einer der Initiatoren. Valdivia wurde daraufhin vom Fußballverband ANFP gefeuert. In Brasilien blühte er anschließend wieder auf. Nachdem er den brasilianischen Klub Palmeiras zur Meisterschaft führte, jagten ihn die europäischen Vereine. Bayern München soll angeblich an ihm dran gewesen sein, auch Hertha BSC Berlin hatte ernsthafte Absichten, Valdivia war zuvor bereits in Spanien und in der Schweiz gescheitert und nahm ein Angebot aus den Vereinigten Arabischen Emiraten an.

Der ganz große Star der Mannschaft ist allerdings der Trainer. Marcelo Bielsa, einst argentischer Nationalcoach, soll Chile zur WM 2010 führen. Er gilt als Verrückter und Experte. Er hat es tatsächlich geschafft, den Kader zu disziplinieren, wenngleich er manchmal etwas verzweifelt wirkt. Der heimische Ligafußball ist in der Dauerkrise und alle Reformideen stoßen bei der ANFP auf taube Ohren. Bis heute hat es der Verband nicht geschafft, die Termine für eine professionelle Vorbereitung günstig zu legen. Immerhin erhält der Argentinier für chilenische Verhältnisse ein fürstliches Gehalt, weshalb die Eintrittskarten so teuer wie nie zuvor sind. Bielsa kann aber bereits kleinere Erfolge feiern. Die Mannschaft ist Dritter in der Qualifikation und hat in den ersten Spielen weitgehend überzeugt. Das Vertrauen in „La Roja“ ist zurückgekehrt, weshalb das Nationalstadion in Santiago bei allen Punktspielen ausverkauft sein wird.

Montag, 11. August 2008

Fußball im Qualm der Kohle: Lota Schwager


Lota ist eine Stadt mit großer Bergbautradition in der VIII. Region. Der Abbau der Steinkohle ist inzwischen zu teuer, weshalb der Ort zusehend verarmt, zudem blieb ein erfolgreicher Strukturwandel bislang aus. Hin und wieder gelingt es dem Fußballverein Lota Schwager das gesamtchilenische Interesse zu wecken. Es ist eine Fahrstuhlmannschaft, die zurzeit in der Primera B mit Tuchfühlung zu den Aufstiegsplätzen steckt.

Das Estadio Federico Schwager, benannt nach dem verstorbenen Firmenpatron und Vereinsgründer, fasst 7000 Plätze. Das Stadiongelände ist nicht direkt in Lota, sondern in der Gemeinde Coronel, einem Vorort von Concepción. Es besteht aus zwei Stahltribünen sowie einer Fankurve aus Beton. Eingebettet in ein kleines Waldstück kann es schnell übersehen werden, da neben einem Zuschauerrang auch die Flutlichtmasten fehlen. Von einem Hügel aus lassen sich die Partien aber Gratis verfolgen, falls die Karten knapp werden sollten. In der Regel kommen 4000 Zuschauer.

Der harte Kern der lokalen "Hinchada" steht hinter dem Tor und lässt während der gesamten 90 Minuten einen Kohlekessel dampfen, aus dem auch gelegentlich Stichflammen entweichen. So werden die Zuschauer permanent an die Herkunft ihres Vereins erinnert, denn die Rußwolken ziehen bei günstigen Winden über das gesamte Areal. Da der schwarze Qualm ihrer Ansicht nach manchmal nicht ausreicht, werden zusätzlich rote Rauchbomben angezündet. Für die Sicht auf das Spielfeld ist der Nebel unbedeutend, in der zweiten chilenischen Liga hat der Fußball eher ein niedriges Niveau. Einige Minuten können problemlos verpasst werden.

Am Sonntag waren die Santiago Wanderers aus Valparaiso zu Gast in Lota. Die Grünweißen aus der Hafenstadt gehörten vor nicht allzu langer Zeit zu den besseren Teams des Landes und waren 2001 sogar Meister. Seit drei Jahren befindet sich das Team jedoch in einer Dauerkrise und kämpft momentan sogar um den Klassenerhalt in der Primera B. Der Anhang bleibt trotzdem treu. Heimspiele in Valparaiso sind dank des stimmgewaltigen Publikums immer noch besondere Erlebnisse und auch auswärts reisen für chilenische Verhältnisse viele Fans mit. Zu ihrem Leid gehören sie aber in der zweiten Liga zu den einzigen problematischen Hinchas, daher suchten sie in Lota vergeblich nach Ärger. Weil auf die Pöbeleien und Provokationen keiner der Zuschauer auf der Heimseite reagierte, feuerten sie lieber ihre Mannschaft an. Vergeblich, denn das Spiel endete 0:0.


Die Gegentribüne im Estadio Federico Schwager. In Lota möglich: mit dem Fahrrad ins Stadion.



Die Heimfankurve von Lota Schwager im Nebel
Blick auf die Haupttribüne.
Pro Fan eine Fahne: Santiago Wanderers.

Montag, 28. Juli 2008

Ideal für Groundhopper: das Estadio Collao

Vor einem Kassenhäuschen tummeln sich weltweit allerlei schräge Vögel. Ob Hooligan, Ultra, Kutte etc. - alle müssen warten. Das kann lustig, aber auch extrem nervig sein. Hühner, Fasane und Gänse gehören eigentlich nicht zur üblichen Klientel von Kartenkäufern. Vor dem Estadio Municipal de Concepción reihen sich die Tiere trotzdem in die Warteschlange ein, wenn der Vorplatz hauptsächlich für den Wochenmarkt genutzt wird. Das Geflügel rennt an solchen Tagen zwischen den Fußballfans umher und sein Besitzer hat alle Mühe sein Kapital wieder einzufangen.
Das Collao, wie die Sportstätte im Volksmund heißt, hat die ideale Anbindung für vielreisende Groundhopper. Das Busterminal befindet sich direkt gegenüber. Stadtbesuche in Concepción werden dadurch überflüssig, falls man nur ein Spiel sehen möchte. Bei den so genannten Risikopartien der jeweiligen Gastgeber gegen Colo-Colo und Universidad de Chile verkaufen allerdings die Kneipen im Viertel kein Bier, so dass der Durst erst ein paar Blöcke weiter gestillt werden kann.
Das Stadion fasst 35.000 Zuschauer, es wurde 1962 eröffnet und ist für chilenische Verhältnisse in einem guten Zustand. Die Fans verteilen sich normalerweise auf den Oberrängen der Haupt- bzw. Gegentribüne. Bei den Begegnungen der Heimatvereine Deportes Concepción, Fernandez Vial und Universidad de Concepción bleibt eine davon in der Regel leer. Auswärtsfans bringen die meisten Mannschaften nur sehr wenige mit, Ausnahmen sind die Klubs aus Santiago sowie die Teams aus den Nachbarorten Talcahuano, Lota und Chillán.
Die Kurven hinter den Toren haben nur einen Rang, gewähren aber einen schönen Blick in die Natur, falls das Geschehen auf dem Rasen zu sehr langweilt. Leider hat das Collao keine Überdachung, obwohl es am Bío-Bío Fluss ziemlich häufig regnet. Es gibt Pläne, die Schalker Fußballarena zu kopieren. Angeblich existieren Kooperationsverträge mit dem Bundesligisten, doch die finanzielle Situation der Provinzhauptstadt erlaubt einen solchen Bau auch in den nächsten Jahrzehnten nicht. Deportes Concepción wurde gerade wegen fehlender Zahlungen die Lizenz entzogen.
Das Collao ist das größte Stadion der VIII. Region, daher nutzen es Lota Schwager, Huachipato und Ñublense als Ausweichort, vor allem, wenn der Rekordmeister Colo-Colo Gegner ist. Am Sonntag traf die Riege auf Ñublense, dem Überraschungsteam der vergangenen Saison. Etwa 15.000 Zuschauer waren im Stadion, die Mehrheit gehörte dem Anhang des ehemaligen Arbeitgebers von Arturo Vidal. Ñublense ist allerdings einer der populärsten Vereine Chiles und hatte ebenfalls viele Fans mitgebracht. Die eigentliche Heimatstadt der roten Teufel ist Chillán und liegt eine Autostunde von Concepción entfernt. Die 90 Minuten waren abseits des Platzes weitaus interessanter als auf dem Rasen, da tagelange Regenfälle das Spielfeld aufgeweicht hatten. Colo-Colo gewann mit 2:1 und auf den Tribünen gab es ein Unentschieden, lieferten sich beide Seiten doch sich ein stimmungsvolles Gesangduell. Fußballreisende sollten eine Partie von Ñublense mit in ihre Planungen aufnehmen.
Fanartikelverkauf in einer Zufahrtsstraße.
Leere Südkurve im Collao
Intro der Rediablos beim Einlauf von Ñublense.
Sicht auf den Anhang von Colo-Colo.
Bei allen Spielen von Colo-Colo dabei: die Garra Blanca.

Eine ebenfalls leere Kurve im Norden.

Donnerstag, 24. Juli 2008

Die Geliebte


Die Leidenschaft für einen Fußballverein ist bei vielen Menschen eine lebenslängliche Verbindung. Während sich Partner, Freundschaften, Wohnorte und diverse andere wichtige Punkte gelegentlich ändern, bleibt der Lieblingsklub stets derselbe. „Einmal Roter, immer Roter“ ist ein typisches Fanmotto, etwas abgenutzt, trotzdem mit viel Wahrheit verbunden. Seinen Verein wechselt man dem Kindesalter entwachsen nicht mehr. Manchmal verhindert der Alltag, dass 96 einziger Lebensmittelpunkt bleibt. Andere Dinge wie Familie, Arbeit oder sogar neue Hobbys nehmen plötzlich samstags 15:30 Uhr ihren Platz ein. Ist es allerdings möglich, dass ein Fanherz nebenbei für einen anderen Verein schlägt? Kann die Sympathie für ein Team wie eine Geliebte parallel zur Hauptbeziehung Hannover 96 existieren?

Bei mir verhindert der Umzug nach Santiago de Chile Besuche bei Hannover 96. Internet und Sportkanäle im TV sei Dank kann ich den Lauf der Roten aus der Ferne verfolgen. Fernsehfußball allein macht einen langjährigen Stadiongänger nicht glücklich und so habe ich mir anfangs in Santiago alle möglichen Partien angeguckt, wobei mir die Vereine egal waren. Was hatte ich schon mit Colo-Colo, Union Espanola, Universidad Católica (UC) sowie den ganzen anderen Teams zu tun? Mich faszinierte die Stimmung auf den Rängen und bei schönen Spielen gab es für jede Mannschaft Beifall. Matías Fernandez zauberte bei Colo-Colo, Catolíca wurde Meister und erreichte das Semifinale der Copa Sudamericana, aber nur einen Steinwurf von meiner Haustür entfernt begann eine ausgerechnet blaue Equipe mein Interesse zu wecken: La Universidad de Chile (La U).

Die „Chunchos“ (Kauze), wie sie in Chile wegen der Eule im Wappen genannt werden, sind eigentlich tragische Verlierer. Während meiner Zeit in Santiago waren sie zweimal ganz nah am Titel dran und scheiterten jeweils im Elfmeterschießen. Für einen internationalen Wettbewerb qualifizierten sie sich nicht, weil die entscheidenen Punkte in der Liga verschenkten und der Verein stand kurz vor dem Bankrott. Inzwischen ist der Klub eine Aktiengesellschaft, was zwar das Konto ein bisschen gefüllt hat, aber auf dem Platz nicht zu sehen ist. Die Fans kommen für chilenische Verhältnisse treu in Scharen und leiden wie gewohnt mit. Mehr als der Erzrivale Colo-Colo ist La U das Team der Santiaguinos. Während der Rekordmeister im ganzen Land seine Anhänger hat, sind die Blauen vor allem in der Hauptstadt beliebt.

Dass La U mehr und mehr mein Verein wurde, entwickelte sich langsam. In dem viel zu großem Estadio Nacional fühlte ich mich an das alte Niedersachsenstadion erinnert. Eine Kurve war meist menschenleer, die andere gut gefüllt. Die „Los de Abajo“ aus Block 16 sangen untentwegt, weshalb sich die Melodien leicht in meinem Gehör festsaßen. Die Texte lernte ich schnell. In Diskussionen über chilenischen Fußball ergriff ich zunehmend Partei für La U, weshalb die Bekannten meine bis dahin unterdrückte Zuneigung zuerst entdeckten: "Du bist ja ein Chuncho." Eines Tages begann ich in der Kurve mitzuklatschen und bei Toren wie „früher“ in Hannover zu jubeln. Niederlagen waren mir plötzlich nicht mehr egal und mein Terminkalender wurde nach den Blauen ausgerichtet. Ein Freund schenkte mir ein Trikot, ein anderer einen Schal und für die Nachbarn war ich nicht mehr nur der Aleman, sondern auch der Chuncho: ich hatte mein Team gefunden.

Inzwischen wohne ich nicht mehr in Santiago, doch vor dem Umzug nach Concepción galt mein erster Blick dem Spielplan. Wann kommen die Blauen in meine neue Stadt? Dieses Jahr vielleicht gar nicht mehr und so muss ich hoffen, dass sie in den Playoffs auf ein Team aus der Region treffen. Fahrten zu den Heimspielen sind aufgrund der Arbeitszeiten und privater Verpflichtungen schwierig. Anders als bei 96 kann ich jedoch die Spiele immer noch seelenruhig verpassen, es reicht in Blick in die Zeitung. Auf Stadionbesuche muss ich am Bio-Bio Fluss natürlich nicht verzichten. Es gibt sechs Vereine in der Primera A und B, die in der Nähe kicken. Einer ist allerdings blaugelb. Da ist ein Flirt ausgeschlossen.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Clásicos in Chile


Lateinamerikanischer Fußball wird allgemein als trickreich und leidenschaftlich beschrieben. Die Stars in den europäischen Topteams vermitteln dieses Bild, die Realität ist leider etwas grauer. Miese Kicks sind unvermeidbar und die Stimmung in den Stadien ist ebenso kein permanentes Feuerwerk, dennoch müssen auch im Süden der Welt die TV-Kanäle die Wahre Fußball möglichst spektakulär verkaufen. Die Fernsehkommentatoren haben daher eine besondere Beziehung zur Übertreibung entwickelt. Möglichst jede Begegnung wird zum Clásico hochgejubelt, die Aufeinandertreffen der beliebstesten Mannschaften des jeweiligen Landes sind sogar Superclásicos.
Wer will, kann rund um die Uhr Reportagen über das Thema, Shows mit Profikickern und natürlich diverse Partien sehen. Latino-Pendants zum DSF-Doppelpass gibt es täglich zu bewundern und der Zuschauer fragt sich, woher die ganzen Themen stammen. Bevor in Argentinien die Boca Juniors gegen River Plate auflaufen, zeigen Fox Sports und die Konkurrenz zwei Wochen lang als Vorgeschmack alle Tore, Fouls, Freistöße, Auswechslungen, Einwürfe, Abstöße und Ecken der vergangenen 1896 Spiele. Bei der Überflutung der Bilder geht schnell der Überblick verloren, wann überhaupt die aktuellen 90 Minuten übertragen werden, zumal nach dem Abpfiff die Analysen und Vergleiche mit den vorherigen Superclásicos beginnen.
Auch Chile hat seinen Superclásico zwischen dem Rekordmeister Colo-Colo und La Universidad de Chile. Auch im Vorfeld dieses Spektakels überschlagen sich die Medien mit Meldungen über jede noch so kleine Unwichtigkeit der beiden Mannschaften. Der Vergleich der beiden populärsten Vereine des Landes ist der einzige wirklich große Zuschauermagnet in der kränkelnden Liga, ausverkauftes Haus und Millionen vor den Bildschirmen sind garantiert. Am 18. Oktober steht der nächste Vergleich an.
Doch die Liga besteht nicht nur aus den beiden Dauerrivalen, sondern auch aus ziemlich grauen Mäusen wie O’Higgins, Audax Italiano, Coquimbo, Puerto Montt. Der Zuspruch ist gering, dennoch muss das Fernsehen das Interesse wecken. Paarungen von Audax Italiano gegen Palestino oder Union Española werden dann kurzerhand zu Clásicos der Kolonien ernannt. Im Stadion verlaufen sich dann trotzdem nur 2000-3000 Zuschauer. Die Teams der Kupferminenarbeiter von Cobresal und Cobrela treffen im Clásico del Cobre del Norte aufeinander, dem Rest des Landes ist es ziemlich egal.
Vielmehr als das einheimische Gekicke zeigen die TV-Sender Fußball aus Europa, wobei keineswegs nur die Topduelle von Real Madrid, Barcelona, Chelsea oder Bayern München gezeigt werden. Manchmal flimmert 96 ohne die Münchner über den Bildschirm und muss den potenziellen Zuschauern schmackhaft gemacht werden. Das Heimspiel gegen Wolfsburg wird deshalb zum Clásico de la Region Baja-Saxonia ernannt. Es sei den Reportern verziehen den Erzrivalen der Roten nicht zu kennen.
Am Samstagnachmittag findet im Stadion „Las Higueras“ ein „Clásico Penquista“ statt: Huachipato aus Talcahuano trifft auf Universidad de Concepción. Es ist ein Nachbarschafftsduell, doch Huachipatos wahre Spezies dürfen derzeit weder kicken, weil Deportes Concepción die Lizenz entzogen wurde, oder sind wie Fernandez Vial in der zweiten Liga. Der Universitätsverein ist daher nur ein etwas attraktiverer Gegner und 7.000 Zuschauer werden erwartet.

Mittwoch, 2. Juli 2008

Fernández Vial: Vorverkauf in der Stadtmitte


Concepcións tragische Fußballliebe C.D. Fernández Vial kämpft in der Primera B zurzeit um den Klassenerhalt. Der Traditionsklub hat schon wesentlich bessere Zeiten erlebt, aber permanenter Misserfolg haben auch die Zuneigung der Anhängerschaft etwas abkühlen lassen. Die treuen Seelen des Eisenbahnervereins lassen sich dennoch nicht entmutigen und engagieren sich weiterhin. Vor jedem Heimspiel gibt es einen Vorverkauf in der Fußgängerzone. Die Karten sind 500 Pesos günstiger als im Stadion, der Andrang ist allerdings nicht bedrängend. Vial trifft am Donnerstagabend auf Coquimbo Unido, etwa 1000 Zuschauer werden erwartet. Die Karten kosten 2000 Pesos.

Montag, 30. Juni 2008

Auf geht's in die Clausura 2008



Die Europameisterschaft ist vorbei, trotzdem wird eine völlige Leere während des Wartens auf die neue Bundesligasaison vermieden. In Chile läuft seit zwei Wochen die Clausura 2008, das Methadon für den 96-Süchtigen im Andenstaat. Das Lieblingsteam des Verfassers, La Universidad de Chile aus Santiago, hat sein Auftaktspiel gegen Ñublense, dem Überraschungsteam der Apertura, mit 2:1 gewonnen und wird von der blau-roten Anhängerschaft bereits wieder als Titelkandidat bejubelt, doch Favoriten gibt es viele.

Rekordmeister Colo-Colo gehört traditionell dazu, von Titelverteidiger Everton darf viel erwartet werden, aber auch Universidad Católica, O'Higgins und Audax Italiano sind stets Spitzenmannschaften in Chile. Vielleicht kann Union Española zu alter Stärke zurückfinden. Trainer Jorge Garcés hatte zuvor schon bei O'Higgins und den Santiago Wanderers hervorragende Arbeit geleistet.

Ein Absteiger steht bereits fest. Deportes Concepción wurde wegen der permanenten Zahlungsunfähigkeit die Lizenz entzogen und nimmt an der Clausura nicht mehr teil. Die Primera A spielt daher nur noch mit 19 Vereinen und die Lilaweißen starten im nächsten Jahr eine Klasse tiefer.

Die Situation von Deportes ist symptomatisch für den chilenischen Fußball. Wochenlang bei der Asociación Nacional de Fútbol Professional (ANFP) wurde darüber diskutiert, wie der Verband mit dem Klub vorgehen solle. Mal wurden Concepción zwölf Punkte abgezogen, dann waren es nur noch neun und kurz vor Saisonbeginn erhielt der Verein keine Lizenz. In der Zweiten Liga kann er aber auch nicht starten, da die Primera B ganzjährig in drei Runden ausgespielt wird, weshalb erst im Dezember Auf- und Absteiger ermittelt werden.

Organisieren ist generell nicht die Stärke des Fußballverbands ANFP. Spieltermine stehen oft kurz vor Anpfiff fest, Nationalmannschaftreisen und internationale Vereinswettbewerbe wie die Copa Libertadores überschneiden sich, außerdem werden nicht selten Partien kurzfristig verschoben, weil zum Beispiel das Nationalstadion für andere Zwecke gebraucht wird. Leidtragender ist in der Regel La Universidad de Chile, das Hauptmieter des Estadio Nacional ist. Weil die Mannschaft neben Colo-Colo zu den beliebtesten des Landes gehört, kann La U nicht problemlos auf eine der anderen Fußballarenen in Santiago ausweichen. Die meisten Bauten sind marode und die Heimstätte des Erzrivalen wurde in der vergangenen Saison nur genutzt, weil La U wegen Ausschreitungen vor leeren Rängen kicken musste. So konnten sich die Fans über den Austragungsort nicht beschweren, sie durften nicht zuschauen. Mindestens einmal pro Jahr gehen die Blauen allerdings auch zu den Weißen von Colo-Colo. Der zweite Superclásico 2008 findet am 18. Oktober statt.