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Donnerstag, 5. August 2010

Salas - die Geschichte einer Heimkehr in die Fremde (2)

Teil 2: Die Ankunft

Da war er nun und wusste nicht wohin. Die Reise nach Santiago sollte eine Neuorientierung werden, dabei verlor er als allererstes den Überblick. Zuviele Informationen strömten beim Verlassen des Zollbereichs auf ihn ein. Die Empfangshalle des Flughafens war überfüllt. Jeder suchte irgendwen und Taxiagenturen warben um Kunden. Er musste dem Getümmel entfliehen.
Draußen vor der Tür steckte sich Salas eine Zigarette an und atmete durch. „Taxi, Señor?“ wurde ihm erneut angeboten. „Augenblick“ deutete Salas an. Der Fahrer nahm bereits seinen Rucksack zur Hand und verstaute ihn im Kofferraum. „Wo soll es hingehen?“ Das wusste Salas selbst gar nicht so genau. Er war gerade erst in in der chilenischen Hauptstadt angekommen und hatte kein genaues Ziel: „Wahrscheinlich ins Zentrum. Was kostet das?“ „10.000 Peso.“ Teuer oder nicht, Salas konnte das nicht einschätzen, ihm war es auch egal: “Na, dann los!“
Ob denn die Reise schön gewesen sei, wollte der Fahrer wissen. „Sie beginnt erst“, antwortete Salas und verblüffte dadurch seinen Gesprächspartner: „Aber Sie sind Chileno, oder?“ Eine Frage, die sich Salas selbst gestellt hatte: „Um das herauszufinden, bin ich hier.“ Er erklärte, dass er in Deutschland geboren und aufgewachsen war. Chile hatte er noch nie besucht. In den nächsten Wochen versuchte er etwas über seine Wurzeln zu erfahren, aber vor allem wollte er Fußball gucken.
Sie verließen die Autobahn und fuhren auf die Alameda, Santiagos Hauptstraße, welche die Stadt von Osten nach Westen durchquert und an der Plaza Italia endet. Der Verkehr geriet ins Stocken. Sie waren zwischen Omnibussen eingeklemmt. Salas starrte aus dem Fenster. Er blickte auf die abgeblätterten jedoch bunten Fassaden der Altbauten und die modernen Hochhäuser. Überall waren Menschen, die irgendetwas verkauften: Eis, Cola, Zeitungen, Schoklade, Spielzeug. Selbst auf der Straße wuselten sie vor den Ampeln zwischen den Autos umher. Es wirkte chaotisch, doch es gefiel ihm. Der Taxifahrer bemerkte, wie sehr sein Passagier in das Panorama versunken war. „Tun Sie sich selbst einen Gefallen und vergleichen es nicht. Das hier ist Santiago, nicht Deutschland. Lassen Sie sich darauf ein und Sie werden es lieben.“ Ein weiser Ratschlag, erkannte auch Salas. Er hatte vor ganz tief in die chilenische Gesellschaft einzutauchen. Beginnen wollte er damit durch einen Stadionbesuch.
Am Abend sollte das Abschiedsspiel seines Idols Marcelo Salas stattfinden. Deswegen hatte er diesen Tag als Beginn seiner Reise ausgewählt. „Was ist Ihr Verein?“ fragte er den Taxifahrer, um ihn in ein Fußballgespräch zu verwickeln. „La U“ antwortete dieser mit stolz. „Ach, das passt, Sie wissen bestimmt, wo es Karten für das Spiel gibt.“ „Ja, natürlich, am Estadio Nacional.“ Der Mann am Steuer riet dem Touristen besser gleich ein Ticket zu besorgen. Die Nachfrage war in den Tagen zuvor bereits sehr groß gewesen. „Dann fahren Sie mich doch bitte zum Stadion.“ Gerne, meinte der Fahrer ohne den Aufpreis zu vergessen.
„Warum sind Sie ausgerechnet ein Fan von Salas?“, fragte er. Sein Kunde erklärte, dass er eigentlich Jose hieße, aber in Hannover von allen Leuten Salas gerufen wurde. Der Taxichauffeur lachte: „Josés, die Salas gerufen werden, treffen Sie heute Abend viele.“

Donnerstag, 29. Juli 2010

Salas - die Geschichte einer Heimkehr in die Fremde



Teil 1 - Der Name

„Wozu habe ich eigentlich meinen bürgerlichen Namen?“ fragte sich Salas häufiger. In seinem Pass steht, er heiße José Gerd Gonzales Müller. Eine perfekte Mischung zweier Allerweltsnamen der Kulturkreise seiner Eltern: José Gonzales und Gerd Müller. Doch, wenn der 38-Jährige zurückblickte, wurde er eigentlich nie so genannt. Seine Eltern riefen ihn immer nur „Chico“ oder „Cariño“. Für die Freunde war er nur der Chileno und seine Lehrer in Hannover fanden es besonders geistreich ihn mit den Namen berühmter Landsleute zu adeln. So war er nach einer passablen Deutschklausur immer Pablo Neruda und im Sportunterricht musste er sich an Caszely gewöhnen, weil er wie der schnauzbärtige Nationalheld entscheidende Elfmeter verschoss. Regte er sich mal auf, hieß es: „Bleib ruhig, Pinochet“. Das war zum Glück selten und als er sich zur Wahl der Schülervertretung aufstellen ließ, entwarfen meine Klassenkameraden ein Plakat: „Allende vive“, jedoch mit seinem Konterfei.

Caszely fand er schon in Ordnung, aber das konnte niemand schreiben und so wurde er in den 90er Jahren zu Salas. Seine Freunde aus der Fußballmannschaft hatten ihn nach dem chilenischen Torjäger getauft, weil er José ebenfalls ein guter Stürmer ist. „Hey Salas, das war ein Riesenspiel von dir“, lobte ihn sein Coach nach einer unvergesslichen Partie. Er war neu im Team und hatte den Gegner mit fünf Treffern im Alleingang besiegt. Die anderen fragten gar nicht mehr nach, ob er wirklich Salas hieße. Er war es fortan.

„Ich bin mir übrigens sicher, dass ich es mit dem richtigen Training mindestens in die Regionalliga geschafft hätte,“, war Salas von sich überzeugt. Leider opferte er jedoch bereits in jungen Jahren sein Talent langen Diskonächten und sehr kurzen Dauerläufen. Es reichte daher nur für die Bezirksklasse und einige Bolzplätze nahe der Universität.

Salas war auch so zufrieden „Den Spitznamen wegen Marcelo Salas zu bekommen, ist nicht das schlechteste.“ Eine große Auswahl hatten seine Mannschaftskameraden nicht, sie kannten sonst nur Ivan Zamorano. Nach einer Weile stellte er sich sogar selbst als Salas vor und vergas José. „Selbst meine Mutter rief mich nur noch Salas. Hätte der Matador bereits in den siebziger Jahren gespielt, hätte sie mich nach ihm getauft. So konnte jedoch mein Vater seinen geliebten Gerd Müller durchsetzen. Mir gelang das nie.“, erinnerte er sich. Wenn ihn jemand nach meinem Namen fragte und er Gerd Müller antwortete, lachten alle nur. Er belies es in der Schule daher bei José Gonzales: „Wie der „Bomber der Nation“ sah ich wirklich nicht aus.“ Sein Vater hatte ihm als Geschenk an die Damenwelt seine blauen Augen vererbt, aber der Rest seines Körpers war durch und durch Latino. Sein Glück: „Von den Frauen wird das sehr wohlwollend wahrgenommen.“

José mochte den echten Marcelo Salas, als er bei Lazio Rom, River Plate, Juventus Turin und natürlich Universidad de Chile seine Tore geschossen hatte. Irgendwann begann er sogar seinen Torjubel, indem er auf dem Boden niederknieend mit den rechten Zeigefinger zum Himmel zeigt, zu imitieren. „Logisch, dass ich diverse Trikots mit seinem Namen besitze,“ erzählt er stolz. Eine Freundin hatte mir sogar Salas auf ein Shirt von Hannover 96 drucken lassen. Das passe so gut zu mir, war sie überzeugt. Recht hatte sie. „Ich liebe dieses Hemd. Hannover 96 ist mein Verein und ich bin Salas.“
Und das ist seine Geschichte. (Teil 2 folgt am nächsten Freitag.)