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Freitag, 26. August 2011

Weiter gegen Sevilla


In der Vorwoche wurde auf dieser Seite bereits über das donnerstägliche Ritual im Univiertel berichtet. Während also das Europapokalrückspiel in Sevilla an meinen Nerven zerrte, lieferten sich Polizei und Demonstranten wie gewohnt stundenlange Straßenschlachten unweit meiner Wohnung. Die Luft war beißend in der Nase und brennend in den Augen. Fenster zu lautete die Devise für den ungestörten 96-Genuss.

Was draußen passierte, ignorierte ich. Die Nacht zuvor hatte mich deprimiert und mir deutlich gemacht, dass ich am 25. August lieber in Sevilla mit den alten Freunden ausgelassen feiern sollte statt im chaotischen Chile zu sein. Derzeit wird zwar Landesgeschichte geschrieben, doch der Preis ist sehr hoch und bringt traurige Seiten ans Licht. Den Generalstreik der vergangenen Tage nutzten zahlreiche Kriminelle aus, um zu plündern und Barrikaden zu bauen, die nur der Befriedigung ihrer Zerstörungslust dienten, dem Studentenprotest allerdings einen Bärendienst erwiesen.

Ebenso wie die dunklen Gestalten bei den Scharmützeln der Nacht, verhindern stets die Steinewerfer eine vernünftige Diskussion zwischen Studenten und Politikern. Die Encapuchados – die Vermummten – sind derzeit täglich in den chilenischen Schlagzeilen. Dabei handelt es sich um meist junge Randalierer , die jede Demonstration mit Gewalt beenden. Sie sind eigentlich nur eine Minderheit bei den Protestmärschen, leider sind sie die auffälligsten Teilnehmer. Einmal in Fahrt haben Gewalt und Vandalismus freien Lauf. Die Polizei versucht das mit Tränengas und Wasserwerfern zu stoppen. Sinnlos, denn die Agressionen werden nur gesteigert und friedliche Demonstranten bekommen die Repressionen der Staatsmacht zu spüren, weil sie leichter zu verhaften sind.

Der Morgen vor dem großen Kick begann daher etwas missgestimmt. Nachdem ich Zeuge sein musste, wie die Baustelle in meiner Straße aus reiner Zerstörungswut in Brand gesetzt wurde, blickte ich neidisch auf die Bilder der Sevillareisenden. In Spanien schien die Welt in Ordnung zu sein, Concepción drohte dagegen ein weiterer konfliktreicher Tag.

Ich lies mich zum Glück von der Feierlaune der 96-Fans begeisterten und versank im Kosmos Internet. Ich erwartete ein schwieriges Spiel gegen den FC Sevilla. Die Spanier begannen stark, aber Hannover hat einfach eine richtig gute Mannschaft, die dem Ansturm standhielt. Das 1:0 durch Moa Abdellauoe löste einen Jubelsturm in der heimischen Wohnung aus. Die Gruppenphase war zum Greifen nahe, nur das Eigentor von Pogatetz zum 1:1 war etwas belastend für das 96-Herz. Es hielt bis zum Abpfiff durch, wenngleich es dem Infarkt nahe war. Die Gruppenphase hat Hannover sich verdient und wird sie in dieser Form auch überstehen.

Ich wollte nach dem Schluss gerne in einer der zahlreichen Kneipen an der nahen Plaza Peru feiern. Sie ist ideal für Europapokalpartys. In der Mitte steht ein Brunnen, ringsherum wird gut und gerne gesoffen. An diesem Donnerstag jedoch nicht, der Platz gehörte den Encapuchados und der Polizei. Der FC Vermummt lieferte sich einen revolutionären Kampf mit der Equipe Verde. Vermummen wollte ich mich nicht, sondern ganz offen meine Sympathien für Hannover 96 zur Schau stellen. Mir blieb mein Balkon, zwar nicht besonders lange, aber das Tränengas konnte meine 96-Euphorie nicht bremsen.

Donnerstag, 18. August 2011

Internationale Klasse gegen Sevilla


Der erste Auftritt von Hannover 96 im Europapokal seit 19 Jahren erinnerte etwas an die letzte Vorstellung von Dynamo Dresden im Uefa-Cup vor zwei Dekaden. Steine, Bengalos und Molotow-Cocktails flogen umher. Die Bereitsschaftspolizei versuchte mit Wasserwerfern und Tränengas die Gegner im Schach zu halten. So sah das jedenfalls während und nach dem 96-Spiel in Concepción aus. Mit 96 hatte das natürlich weniger zu tun, selbst wenn die Beteiligten Spanisch sprachen. Die einzige Gemeinsamkeit dürfte vielleicht sein, dass Hannovers Fußballstil und Concepcións Art zu randalieren momentan wirklich internationale Klasse haben.

Ausschreitungen sind ein völlig normales Spektakel an chilenischen Donnerstagen. Seit Monaten protestieren die Studenten gegen das Bildungssystem und haben die Universitäten sowie Schulen besetzt. Donnerstags demonstrieren sie regelmäßig auf der Straße, was stets in Tumulten endet. Das Zentrum des Radaus ist meine Nachbarschaft. Als Anwohner habe ich mich damit arrangiert. An solchen Tagen müssen Besorgungen eben früher erledigt werden und Zitronen im Haus sein. Das saure Obst hilft gegen das Tränengas, mit welchem die Polizei mein Viertel einnebelt.

An diesem Donnerstag sollten mich die Straßenschlachten nicht weiter interessieren. Ich hatte nicht vor zur besten Steinewerfzeit meine Wohnung zu verlassen, denn zeitgleich lieferte 96 den Beweis europapokaltauglich zu sein. Ich lies also trotz des frühlingshaften Wetters die Fenster zu, um mir nicht durch das Tränengas die Sicht auf ein grandioses Spiel trüben zu lassen.

Was da über den Computermonitor flimmerte, war erstaunlich. Die Stimmung aus dem Niedersachsenstadion von Beginn an schwappte in mein Arbeitszimmer über. Die Roten stürmten los, trafen und meine Torjubel dürften die Bambule vor der Haustür für ein paar Momente unterbrochen haben. Hannover kickte also nicht nur international, sondern auch hervorragend. In der ersten Halbzeit war 96 den Gästen deutlich überlegen und es war schade, dass ich auf das Spektakel vor Ort verzichten musste. Eintrittskarten hatte ich, nur leider keinen Urlaub. Ich bin weit genug von dem Geschehen entfernt, um solche Versäumnisse zu verkraften. Ein Blick auf die Weltkarte genügt, allerdings spielte das wie beim Kampf um den Klassenerhalt in der Saison 2009/10 keine Rolle. Hannover ist in solchen Momenten in Concepcion spürbar.

Mit 2:1 wurde also Sevilla nach Hause geschickt. Die Partie war grandios, das Ergebnis jedoch lässt keine Planungen zu. Die Gruppenphase der Europa League ist noch lange nicht erreicht. Die Spanier werden in ihrem Heimspiel besser aufpassen und 96 nicht so einfach durch ihre Reihen tanzen lassen. Doch die Roten dürfen optimistisch sein. Sie haben gezeigt, dass sie eine richtig gute Mannschaft haben. Diese kann in Sevilla gewinnen.

Bis zum Rückspiel müssen die 96-Fans eine endlos lange Woche abwarten. Ich habe mir daher nach dem Abpfiff zum Zeitvertreib die Ausschreitungen vor der Haustür angeschaut. Neue Erkenntniss gab es nicht. Es brannten Barrikaden, flogen Steine und roch nach Tränengas. Das übliche Schauspiel an einem Donnerstag in Concepción. An mir rauschte das alles vorbei. Ich war mit den Gedanken ganz woanders.

Mittwoch, 17. August 2011

Chiles Mann in Sevilla

Wenn Hannover 96 versucht den FC Sevilla aus dem Europapokal zu schießen, schauen viele chilenische Fußballfans dem Spektakel zu. Für den spanischen Gegner läuft der Santiaguino Gary Medel auf, der in seiner Heimat ein Star ist. In der Nationalelf gilt der "Pitbull", wie er genannt wird, als feste Größe. Selbst als defensiver Mittelfeldspieler ist er torgefährlich und führt seine Teams zur Not mit der Brechstange zum Torerfolg. Sicherlich ist er nicht so technisch versiert wie sein Landsmann Alexis Sanchez, aber Medel wurde 2008 zu Chiles Fußballer des Jahres gewählt. Bereits in sehr jungen Jahren trat er sehr erfahren auf dem Platz auf und heute als 24-Jähriger hält er sein Gemüt etwas mehr im Zaume. Einer wie der Pitbull ist daher für jede Mannschaft eine Verstärkung.

Im deutschen Boulevard dürfte Medel in die Schublade der Kultkicker gesteckt werden, denn der Nationalspieler ist volksnah und ein Kind der Fankurve. Auch nachdem er seinen Heimatverein Universidad Católica (UC) in Richtung Buenos Aires verlassen hatte, zog es ihn immer wieder nach Santiago, um die Spiele der Cruzados zu sehen. Bei Boca Juniors war man nicht besonders glücklich, als das Fernsehen Gary Medel in der Fankurve von Católica zeigte. Bei Boca sah man den Abstecher als Verrat an, dabei standen sich die beiden Teams seit 2005 nicht mehr gegenüber. Der Chilene hatte ein freies Wochenende für einen Besuch in seiner Heimat genutzt. UC hatte ein wichtiges Spiel in der Meisterschaft und Gary Medel trommelte in der Fankurve seine Ex-Kollegen nach vorne. Das hatte Medel übrigens schon in Diensten von Católica getan, wenn er wegen diverser gelben und roten Karten nicht aufs Spielfeld durfte. In solchen Fällen mischte er sich unter die „Hinchas“ und übte sich als Anpeitscher.

Bei Boca war er von 2009 bis 2010 unter Vertrag und gewann bei den Argentiniern ebenfalls schnell die Herzen der Fans, weil er ein Fußballarbeiter ist, der zudem ein paar Tricks beherrscht. Unsterblich machte er sich mit seinen zwei Toren im Superclasico 2010 gegen den heutigen Zweitligisten River Plate. Medel trifft besonders gerne in den Clasicos, auch Católicas Erzrivalen Universidad de Chile besiegte er mit einem Doppelpack.

Den europäischen Vereinen fiel er mit seinen Leistungen vor allem bei der WM 2010 auf, dabei wollte er Boca nicht verlassen. Weil die Blaugelben für den europäischen Markt ausbilden, stimmte er dem Verkauf in die spanische Liga zu und wechselte im Januar 2011 nach Sevilla. Spontane Heimflüge um Catolica anzufeuern sind nicht mehr möglich, aber die Chilenen behalten ihn im Auge. Seine Auftritte werden werden von den chilenischen Medien weiter verfolgt und so war es eine Schlagzeile wert, dass der Pitbull gegen 96 in der Startelf steht. Unerwähnt blieb jedoch, dass ihn ein Mad Dog beim Zug zum Tor aufhalten wird.